Donnerstag, 25. September 2014

Der Frieden wilder Wesen


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Wann immer ich verzweifle an der Welt
und nachts beim leisesten Geräusch erwache,
aus Angst um mein und meiner Kinder Leben,
dann gehe ich dorthin, wo die große Echse
in ihrer Schönheit auf dem Wasser ruht
und wo der Silberreiher fischt.

Dann finde ich den Frieden wilder Wesen,
die nicht ihr Leben schmälern durch Sorge.
Ich spüre die Gegenwart des stillen Wassers
und sehe über mir die Sterne, unsichtbar am Tage,
in ihrem Licht wartend.
Für eine Weile ruhe ich in der Erhabenheit der Welt
– und bin frei.

Wendell Berry, The Peace of Wild Things

Donnerstag, 11. September 2014

Furchtlos unser wahres Selbst leben

Der asiatische Drache als Symbol für Ganzheit und Zugehörigkeit


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Ein gewaltiges Wesen mit dem Körper einer Schlange, der Mähne eines Löwen, den Klauen eines Adlers und dem Geweih eines Hirsches. In seinem Bauch das Lachen der Welt, in seinen Augen goldene Funken des gegenwärtigen Moments. Weisheit und Wärme in seiner Stimme, Frieden und Freude in seinem Lied. In einem Augenblick ruhig und von tiefer Stille erfüllt wie ein Fels, im nächsten sich absichts- und mühelos in die Lüfte schwingend. Der asiatische Drache ist Symbol der Naturkräfte in ihrem freien Spiel und somit gleichzeitig Symbol der Kräfte, die in uns lebendig sind oder vielleicht teilweise schlummern und darauf warten, geweckt zu werden.

Er ist ganz er selbst. Furchtlos nimmt der Drache seinen Platz ein, gibt sich dem Rhythmus des Lebens und der Jahreszeiten hin, fließt wie ein Fluss und liebt den Morgennebel ebenso sehr wie die Abenddämmerung. Er gleitet durch den Himmel ohne eine Spur zu hinterlassen, nimmt achtsam alles wahr, was ihn umgibt und was in ihm vorgeht, sieht und spürt das Tao in der Welt wirken, und weiß, dass er nicht getrennt ist von dem großen Geheimnis, das alles Leben hervorbrachte. Sein Flug durch die Wolken bringt den Menschen und ihren Feldern den ersehnten Regen – doch macht er dies nicht, weil er meint, eine Aufgabe erfüllen zu müssen, sondern einfach, weil es seiner Natur entspricht. Es ist seine Art, zu fliegen und zu spielen, zu ruhen und zu atmen, zu sehen und zu lieben.
Sein Wesen der gelassenen Stärke und humorvollen Güte erinnert uns Menschen daran, was es heißt, ein Teil der Natur zu sein. Auch wir können in dieser Weise unsere innere Mitte finden und furchtlos unser wahres Selbst leben.

Das Herz eines Drachen
Wir können die sein, die wir wirklich sind, mit allem, was zu uns dazugehört. Mit all der natürlichen Würde, die jedem Menschen innewohnt, können wir unseren Platz in dieser Welt einnehmen. Wie ein Drache können wir einfach da sein, ohne uns für irgendetwas zu schämen oder etwas verstecken zu müssen. Jede unserer inneren und äußeren Narben hat ihre Geschichte, ist Teil unseres Selbst, erzählt von unserer Wirklichkeit. Aus unseren Verletzungen, aus den Rissen, die unseren Herzen vom Leben zugefügt wurden, scheint ein Licht, das eine große Schönheit offenbaren kann. Meist haben wir Angst, dass jemand diese Risse entdeckt. Und so versuchen wir uns zu verstecken, wegzulaufen, Masken aufzusetzen, uns zu verstellen und jemand anderes darzustellen als wir wirklich sind.
Fast jeder hat diesen Impuls. Doch wenn wir unsere Risse in unseren Herzen nicht offenbaren, ist auch das Licht unsichtbar. Wenn wir in uns Mauern errichten, die andere von unseren Verletzungen fern halten sollen, ist in uns nur Schatten und Düsternis. Doch wenn wir unsere Wunden nicht verstecken, kann unser Licht strahlen. So liegt in unseren Wunden unsere größte Stärke verborgen.
Je mehr wir uns mit unseren Wunden anfreunden, desto stärker kann unser Licht leuchten, desto heller wird es in unserer Umgebung, desto besser können wir den Weg erkennen, desto eher finden wir unser wahres Zuhause. Vom Symbol des Drachen können wir lernen, uns ganz zu zeigen – und dadurch ganz zu werden. Unsere Menschlichkeit, unsere Verletzlichkeit und unser Mitgefühl sind unser schönster Schmuck. Wir können zulassen, dass andere Menschen in unseren Augen etwas entdecken, das auch in ihnen selbst verborgen ist und angenommen werden möchte.
Ein offenes Herz ist ein Drachenherz! Es riskiert, verletzt zu werden, es ist ein lebendiges Herz. Wenn wir uns stets verstecken, dann tun wir nur so, als ob wir leben würden. Wer liebt, offenbart sich und macht sich verwundbar – aber aus Angst nicht zu lieben, ist ein großer Fehler. Unser Herz wird niemals entzweibrechen und zerstört werden. Es bekommt Löcher und Risse, wird deformiert und geschunden, aber mit jeder dieser Verletzungen wird das innere Licht immer sichtbarer und unser Herz immer schöner. Ein furchtloses Drachenherz wird auf diese Weise vielleicht verletzt, doch es wird durchströmt von der Welt, es atmet die Welt, fühlt die Welt. Es wird mit jedem Tag kräftiger und findet immer mehr seinen Platz im Wunder dieses unergründlichen Lebens.

Die Schönheit jedes Augenblicks
Der Drache existiert jenseits unseres Intellekts, und eine Begegnung mit ihm erschüttert unsere Welt, die wir mittels unserer Gedanken sicher eingezäunt glaubten. Der Drache weckt uns auf, lockt uns aus unserem Denken, das alles analysiert und in Schubladen steckt, hinaus in das Geheimnis des Augenblicks. Wenn wir dies wirklich wahrnehmen können, blicken wir voller Staunen auf eine Welt, die auf tiefster Ebene mit uns verbunden ist. Wir erblicken die Schönheit, die uns in jedem Moment umgibt – und Schönheit ist nicht zu verstehen und nicht zu hinterfragen. Wir blicken zu den Sternen auf und ahnen etwas von dem Segen, den sie in jeder Nacht über uns ausbreiten. Wir sehen nach oben und das Tao vergießt durch unsere Augen Tränen über so viel Schönheit. Und wenn die Sterne uns sehen können, werden sie ebenfalls über unsere Schönheit, über unser mutiges und offenes Drachenherz  und die schlichte Tatsache, dass es uns gibt, erstaunt sein. So sind wir alle im Tao aufgehoben und Teil desselben Segens, der unaufhörlich wirkt.
Wie ein Drache können auch wir das Tao in allen Dingen vernehmen, die Stille in uns reifen lassen, dem Weg der Natur folgen und Himmel und Erde in uns vereinen.
Der Drache, den wir in uns selbst finden können, ist das kraftvolle und lebendige Gegenteil der Entfremdung.

Möge der Herzschlag des Drachen
uns den Rhythmus der Welt zeigen.
Mögen wir einstimmen in das große Lied,
das seit Anbeginn aller Zeiten ertönt,
und mögen wir den Mut und die Kraft finden,
unseren ganz eigenen Weg in Einklang mit Allem zu gehen.
Mögen wir eine ganz besondere Note in der Melodie des Tao sein,
die leise über Seen und Wälder schwebt,
den Ruf des Kranichs und die Stille der Berge erfüllt
und die niemals, niemals enden wird.



Dirk Grosser
Das Tao des Drachen
Furchtlos unser wahres Selbst leben
232 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-8434-1152-3
14,95 €


Das Buch ist ab sofort in jeder Buchhandlung und natürlich direkt beim Verlag erhältlich.



Freitag, 5. September 2014

Ein lebendiges Universum

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Wir leben in einem lebendigen Universum, das sich von Augenblick zu Augenblick als vereintes Ganzes zeigt. Das Universum ist eine lebende Einheit, die ständig von dem Durchfluss enormer Energiemassen erhalten wird, und das in einem unsagbar riesigen und äußerst lebendigen Prozess der unglaublichen Präzision und Kraft. Wir sind Wesen, die vom Universum genauso bewohnt werden, wie wir Wesen sind, die das Universum bewohnen. Die Einheit der Existenz ist (...) ein sich ständig manifestierender Zustand, der nur darauf wartet, von uns erkannt und ins Bewusstsein gerufen zu werden. Die "Macht des Jetzt" kommt durch die Tatsache, dass das ganze Universum als ein extrem präziser Fluss im Jetzt auftritt. Wenn wir uns im Jetzt befinden, reiten wir auf der Welle der fortwährenden Schöpfung. Jeder Moment ist eine brandneue Bildung des Universums, die nahtlos und makellos aufsteigt. 
Duane Elgin, Das lebende Universum, Seite 91


Wir tragen das Universum in unserem Wesen, so wie das Universum uns in seinem Wesen trägt. Beides ist dem anderen gegenüber absolut präsent, und auch dem tieferen Geheimnis gegenüber, aus dem das Universum und wir selbst entstanden sind. 
Thomas Berry, The Dream of the Earth, Seite 132