Samstag, 17. Mai 2014

Wer erzieht hier wen?

Von Kindern das Wesentliche im Leben lernen

Jede größere Buchhandlung verfügt mittlerweile über ein ganzes Regal mit Erziehungsratgebern. Hier kann man sich mehr oder minder kompetente Hilfe zu allen Fragen holen, die das Leben mit Kindern so mit sich bringt: Was sollen sie essen? Wann sollen sie schlafen? Wie reagiere ich auf Trotz? Wie setze ich Grenzen? Wie begegne ich den Schrecken der Pubertät? Die Liste der Fragen scheint endlos wie die Bücher in den Regalen. Alles dreht sich darum, was wir Kindern beibringen können oder nach Meinung der Autoren beibringen sollen.
Wenn ich ehrlich bin, stellen sich mir oft ganz andere Fragen. Wenn ich fünf Stunden mit meinen Kindern als Regenbogen-Pony durch den Feenwald gekrochen bin oder wir auf Expedition im Playmobil-Dschungel waren, merke ich, dass sie sich in dem gemeinsamen Spiel nahezu selbst erziehen, sich moralische Fragen beantworten, ihr Wissen vermehren, ihre soziale Kompetenz ausbauen, ihre Fantasie lebendig halten und vor allem offen für Wunder bleiben. Und da kommt dann meine Frage ins Spiel: Wie kann ich ein ebenso großartiger Mensch wie meine Kinder werden?


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Ich glaube fest daran, dass meine Kinder mir weitaus mehr beibringen, als ich ihnen jemals beibringen könnte. Ihr Glück ist ansteckend, ihre Faszination dem Leben und allen Formen des Lebens gegenüber ist beispielhaft. Sie sind wie sie sind, völlig unverstellt, und ihre Tugenden zeigen sich so natürlich wie ein Regenschauer, ein Kieselstein oder eine umherbrummende Hummel. Ihre Liebe teilen sie großherzig mit Menschen, Tieren und Stofftieren. Sie haben immer Zeit, sind nie in Eile – und ein schillernder Käfer auf der Hand ist immer noch viel interessanter und wichtiger als alles andere.
Manchmal habe ich das Gefühl, ihr Leben ist eine einzige Achtsamkeitsmeditation, denn ihre Augen, ihre Herzen und ihre Seelen sind offen für die Welt, ohne dass vorgefasste Meinungen ihre Wahrnehmung verzerren.
Henry David Thoreau hat einen schönen Satz geprägt, der das, wovon ich hier spreche, schön zusammenfasst: „Um zur totalen Wahrnehmung eines Gegenstands zu gelangen, muss ich ihn zum tausendsten Mal als etwas völlig Fremdes in den Blick fassen.“
Genau das ist es, was wir – neben vielen anderen Dingen – von unseren Kindern lernen können. Sehen ohne zu wissen. Staunen ohne einzuordnen.
Wenn ich es mir recht überlege und es provokativ in Worte fassen möchte, könnte ich sagen, dass meine ganze Meditationspraxis eigentlich nur dazu dient, den einzigartigen Blick meiner Kinder nachzuahmen.
Sie sind ehrwürdige Meisterinnen, die gern rennen und hüpfen und rosafarbene Frottee-Schlafanzüge mit Ponys und Sternchen tragen. Sie sind ständig umgeben von einer wilden Horde aus Bären, Affen, Hunden, Löwen und Pferden. Sie sind Forscherinnen, Abenteurer, Tierärztinnen, Astronauten, Elfen, Zwerge, Orang-Utans, Baby-Tiger und Jedi-Ritter. Ein Kochlöffel in ihrer Hand verwandelt sich in Sekunden von einem Schwert in ein Stethoskop oder den Zauberstab einer Feenkönigin.
Dann rennen draußen die Rehe vorbei – und sie stehen am Fenster, völlig absorbiert, aufgelöst im Schauen...

Die Kinder sind fort. Beobachter und Objekt der Beobachtung werden eine Einheit, nur für einen Augenblick, in dem der Geist ganz frei wird. Doch dieser Augenblick ist neu, ist frisch und unbelastet. Der Geist ist Raum. Er ist einfaches Sein im Prozess des Schauens. Eine Teilhabe an etwas Außergewöhnlichem, was so niemals wiederkehren wird und welches den Zauber des gegenwärtigen Moments in sich trägt.

Dieses kindliche Staunen ist die Kunst der absichtslosen Beobachtung.
Befreit von allen kulturellen und traditionellen Schranken dringt sie zur Essenz der Meditation vor: Sehen!
Sehen mit neuen Augen, ohne dass unser Gehirn gleich eine Geschichte um das Gesehene herum spinnt. Einfach wahrnehmen, was ist. Ohne Vorurteile, ohne vorgefertigtes Wissen. Nichts muss in Schubladen und Kategorien eingeordnet werden, alles kann so bleiben wie es ist. Die Welt kann sich in ihrer wahren Gestalt zeigen.

Geht da nicht genug vor sich, wenn ich achtsam lausche und beobachte? In jedem Augenblick, bereit, neu entdeckt zu werden? Die Heizung macht Geräusche, ein Hund bellt, ein Trecker fährt vorbei...
Müssen wir die Konzentration auf etwas Besonderes fokussieren? Was wollen wir kontrollieren?
Können wir innehalten und einfach in unsere Abfolge von Denken und Reagieren hineinlauschen, wie sie sich jeden Moment in uns offenbart? Können wir unsere Gefühle direkt wahrnehmen ohne den Umweg über das Denken?
Ist es möglich, in offenem Gewahrsein zu hören und zu sehen? Können wir sein wie Kinder? Können wir erkennen, dass wir es sind, die zu lernen haben?

Wenn ich mit meinen Töchtern und den Hunden einen Spaziergang mache, bleiben wir naturgemäß oft an einem Baum stehen. (Um ehrlich zu sein: an jedem Baum!) Äste, Blätter, Eicheln, das Wispern des Windes im Grün.
Ich merke, wie mein Gedanken-Radio sich selbständig macht und vor sich hin plärrt: Wie lange steht er schon hier? Was hat er schon erlebt? Und abstrakter, weil ich das so gerne mag: Was ist sein Wesen? Ist er geschaffen? Oder hat er sich einfach aus dem Sein heraus entfaltet?
Für einen Erwachsenen ist dieser Baum vielleicht die Schöpfung Gottes, ein Teil der Lunge unserer Erde oder ein zusammengesetztes, unbeständiges und vergängliches Etwas, vielleicht auch einfach nur eine Ansammlung von Molekülen oder soundso viel Raummeter Holz.
Meine Töchter sind weiser und machen sich solche Gedanken nicht. Sie sehen den Baum als Baum. So wie er ist. In seinem eigenen So-Sein.
Können auch wir sehen, ohne wissen zu wollen? Einfach wahrnehmen?
Können wir jetzt unsere neuen Augen öffnen und eine neue Welt sehen?



Wie meine Töchter mich sehen ...
Eins ist mir klar geworden, seitdem ich Kinder habe: Je mehr Theorie und Konzept, desto weniger Welt! Je verkopfter wir der Welt begegnen, desto mehr entzieht sie sich uns! Und mit jedem Tag, den ich mit meinen Kindern verbringe, zeigt sich mir, was ich alles noch zu lernen habe. Zu meinem großen Glück lesen Kinder keine Erziehungsratgeber, die ihnen Tipps zum Umgang mit ihren eher begriffsstutzigen Eltern geben – so gibt es kein Lernprogramm, keinen festen Ablauf, keinen Erfolgsdruck… Kinder sind dem ursprünglichen Sein so nah, dass sie völlig auf die natürliche Entfaltung vertrauen. Wenn wir uns darauf einlassen, können wir mit ihnen in einem Raum sein, in dem sich die Lektionen selbst lehren. Für sie und für uns…

Irgendwann habe ich den beiden mal ein Buch mit dem Titel „Gott, Allah, Buddha. Und woran glaubst du?“ vorgelesen.
Und als ich ihnen diese Frage des Buchtitels stellte, überlegten sie kurz und eine von ihnen sagte dann freudestrahlend: „An Zöpfe!“
Näher kann man der Erleuchtung wohl nicht kommen...


DG
   


Danke an Christiane Schöniger vom Magazin SpiritLive, die meinen Artikel in der aktuellen Ausgabe veröffentlicht hat.