Freitag, 4. April 2014

Teil des großen Kreises sein

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Symbol eines Lebens im Einklang mit der Natur war und ist für mich immer der Kreis. Die Nester der Vögel, der Lauf des Jahres, unser eigenes Leben – alles ist rund, verläuft kreisförmig, ist in sich ganz und doch Teil von etwas viel Größerem. Meditation und Gebet, schamanische Reisen, achtsame Wanderungen, Schauen und Lauschen laden uns ein, diesen Kreis bewusst zu betreten und unsere Hände unseren Nächsten zu reichen, die Beseeltheit von allem anzuerkennen. Leben im Einklang mit der Natur bedeutet für mich, uns in das große Rund des Lebens einzufinden, als Teil eines Familienkreises mit unseren Brüdern und Schwestern aus den Menschen-, Tier- und Pflanzenreichen in Harmonie zu existieren und allem, was ist, mit Liebe und Achtung zu begegnen.

Eine tiefe Spiritualität befindet sich im Kreis des Lebens und nicht außerhalb. Deshalb ist sie an ökologischen Fragen ebenso interessiert wie an Fragen, die das eigene Selbst und seine Entfaltung betreffen. Alles greift ineinander und wird wertgeschätzt. Der amerikanische Physiker Brian Swimme, der selbst indianische Vorfahren hat, weist nachdrücklich darauf hin, dass die Erkenntnis der Einheit allen Seins unser angestrebtes Ziel sein sollte: „Die irdische Gemeinschaft als Ganzes muss als unsere Heimat begriffen werden, als Mutterschoß von Schöpferkraft und Leben.“

Dieser Mutterschoß als Ursprung des Kreises ist es, der uns und alles, was ist, wächst, wird und wieder vergeht, hervorbringt. In diesem Kreis begegnen sich Männer und Frauen gleichwertig, hier sind Kinder und Erwachsene auf Augenhöhe, hier sind Tiere, Pflanzen und Menschen als Teil eines lebendigen Entfaltungsprozesses gleich wichtig.
In der Wildnis begegnen wir dem Heiligen – atmend, fruchtbar, überbordend, voller Freude und von großzügiger Schönheit. Ein Kosmos voller Wunder – der Wald spricht von nichts anderem. Er ist ein grünes Gebetbuch, erfüllt von fremdartigen Geräuschen und wilden, würzigen Gerüchen.
In der Natur herrscht wahres Leben, jeden Augenblick neu. Keine Spur von Sünde. Hier herrscht wahre Freude, wahre Ekstase, keiner Erlösung bedürftig.
Der Mutterschoß und der Kreis sind lebendig – und Leben kennt keine Trennung von Geist und Materie, erst recht keine Trennung dieser beiden Begriffe in gut und schlecht.
Unser Leben ist beseelt vom Kosmos und ehrt diese Heiligkeit durch sein Dasein und seine bewusste Verwandtschaft mit den anderen Wesen, mit denen es sich diesen Planeten teilt. Alles bildet einen großen Kreis.

 
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Dieser Kreis ist gegenwärtig im leichten Morgennebel am Flussufer. Er zieht uns in seinen Tanz hinein, wenn wir viel zu früh aufwachen und uns etwas nach draußen lockt. Der Geist noch müde, aber dennoch von einer seltsamen Klarheit erfüllt, die der Stille der frühen Morgenstunden oft zu eigen ist. Der Fluss – glucksend, murmelnd, wispernd, raunend –  unterwegs und doch ganz hier. Unser Blick plötzlich gefangen von einem Juwel in Azurblau und Kastanienbraun, das von einem Ast ins Wasser herabstürzt, die Flügel eng an den Körper gelegt, schnell wie eine Harpune. Wie aus dem Handgelenk der Welt geworfen, eingetaucht, aufgetaucht und zurück auf seiner Warte am Ufer. Nur zwei, drei Sekunden dauert der Beutezug. Ein Augenblick, dem eine besondere, wortlose Poesie innewohnt. Keine Zeit, kein Subjekt oder Objekt, nur die Kühle des Morgens und das Raunen des Flusses. Unser Bewusstsein Beute des Eisvogels. Wir sind nicht mehr außerhalb, kein Beobachter mehr, sondern Teil der Natur, der Fluss und der Vogel Teile unseres Körpers.


Dirk Grosser