Freitag, 19. Juli 2013

Begeisterung


Petra Jastro vom Magazin „Teutoburger Meile“ hat mit mir ein Interview zum Thema Begeisterung geführt. Ein sehr angenehmes Gespräch, das ich hier gern widergeben möchte. Das Motto ihres Magazins lautet „bewusst, natürlich, ganzheitlich, regional“, und in der neuesten Ausgabe sind außerdem noch Beiträge von Rüdiger Dahlke, Gerald Hüther und Anna Trökes zu finden. Wenn Ihr das Magazin irgendwo seht, schaut mal rein…

Das Buch "Selbst ein Anfang sein" von Dirk Grosser hatte mich sehr berührt. Ich fand dort viele Gedanken wieder, die sich mit meinem Empfinden und Erleben unserer Welt, der Schöpfung und des Kosmos decken, die mir wieder einmal zeigten, dass wir doch selbst so viele Dinge in der Hand haben und das so vieles, ja vielleicht sogar alles, was wir brauchen, in uns ist. Grund genug für mich, den Bielefelder Buchautoren zu besuchen und mich mit ihm über die Begeisterung und das Staunen zu unterhalten. "Staunen heißt, mit neuen Augen sehen", so beschreibt Dirk Grosser es in einem Kapitel seines Buches.


Petra Jastro: Sind das Staunen und die Begeisterung verwandt?
Dirk Grosser: Im Wort "Begeistern" ist ja schon der "Geist" enthalten. In der Erfahrung, die begeistert, berührt mich der große Geist, wenn mein eigener Geist offen ist und noch staunen kann.
Daher ist das Staunen die Grundvoraussetzung, sich begeistern zu können.

Hermann Hesse sagte: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Der Zenlehrer Shunryu Suzuki spricht vom "Anfänger-Geist", Sie davon, "selbst ein Anfang zu sein".
Ja, die Erkenntnis von Suzuki, dass es "im Anfänger-Geist viele Möglichkeiten gibt, im Geist des Experten nur wenige", hat mich bewegt. Je weniger Konzepte und Theorien über die Welt wir mit uns herumschleppen, desto mehr kann die Welt uns berühren.
Dann können wir in ganz alltäglichen Dingen das Wunder erkennen und uns darin verlieben. Wirklich begeistern können wir uns m.E. nur, wenn wir uns ohne Erwartungen in etwas oder jemanden verlieben.

Gibt es etwas, das Ihnen hilft im Leben begeistert zu sein?
Ein sehr hilfreiches Werkzeug kann die Meditation sein. Mein Geist wird dabei offen. Das ist die Essenz der Meditation: Das Sehen neu zu lernen, das, was wirklich ist, hereinzulassen, und die Welt nicht so zu betrachten, wie sie unserer Meinung nach sein sollte. Wenn ich mich in dieser Weise öffne, kann ich mich immer wieder allem neu zuwenden. Die größten Meister darin sind Kinder, die einfach schauen, ohne ein Urteil im Kopf zu haben.

Die Meditation öffnet den Geist. Dann hat die Welt eine Chance, zu uns durchzudringen. Natürlich sind wir so auch verletzlich, aber wenn wir eine Ritterrüstung tragen, um uns zu schützen, dann bleibt die Welt außen vor. Ich glaube, viele Menschen leben so. Sie lassen sich von nichts oder Wenigem berühren, weil sie Angst haben, verletzt zu werden oder Schwäche zu zeigen.

Haben wir da eine Lernaufgabe?
Es ist immer das Ego, das Angst hat und sich schützen möchte. In der Meditation tritt das Ego zurück und lässt der wirklichen Erfahrung Raum. So können wir die Wirklichkeit annehmen und uns begeistern lassen!
Man kann es fast formelartig zusammenfassen:
Meditation --> offener Geist --> Staunen --> Begeisterung --> Liebe.
Die Meditation öffnet unseren Geist, macht Staunen möglich, das wiederum Begeisterung weckt und mich in die Welt verlieben lässt.

Dazu ist mir noch ein Gedanke wichtig:
Die Meditation als solche sollte immer wieder etwas Neues sein. Wenn ich jemanden sagen höre, dass er eine langjährige Meditationserfahrung hat, dann spricht da eher das Ego. Doch in der Meditation hört das Ego für einen Moment auf zu existieren. Der Meditierende setzt sich immer wieder mit der inneren Haltung hin: Mal sehen, was heute passiert.
Man kann in der Meditation eine tolle Erfahrung machen, ein überwältigendes Körpergefühl erleben, eine große geistige Klarheit verspüren und begeistert sein.
Ich habe das so erlebt, gleich bei den ersten Meditationsübungen. Und dann bin ich dieser Erfahrung jahrelang nachgerannt und wollte es genau so wieder erleben. Irgendwann ist mir dann aufgefallen, dass mein Geist gar nicht offen war, weil ich etwas ganz Bestimmtes wollte und meine Erwartungshaltung mir völlig im Weg stand. Die Neugierde, die Offenheit, der Anfänger-Geist, sie sind unsere Lehrmeister.

Kann uns so etwas auch in der Partnerschaft begegnen?
Ja. Wir verlieben uns, kommen uns näher, binden uns, und haben dann nach einiger Zeit ein Bild von unserem Partner im Kopf, eine Erwartung. Das ist ein Grund, warum viele Partnerschaften nicht funktionieren. Plötzlich sehen wir, dass sich etwas beim Partner entwickelt, was gar nicht mehr dem Bild entspricht, das wir von ihm haben. Zum Beispiel sind viele Frauen zwanzig Jahre im Haushalt und ziehen die Kinder groß. Dann sind die Kinder plötzlich aus dem Haus und die Frau sucht sich andere Aufgaben, wendet sich evtl. sogar Spirituellem zu – und das gefällt dem Mann dann gar nicht. Er möchte lieber, dass seine Frau so ist und bleibt wie früher…

Menschen sind aber nicht statisch, sondern sie verändern sich jeden Tag.
Wir haben die Möglichkeit, das positiv wahrzunehmen. Denn es kann ein großes Geschenk sein zu sehen, wie sich ein Mensch entwickelt. Auch bei unseren Kindern ist das eines der wertvollsten Geschenke.

Wie ist das mit der Begeisterung in der Musik, Ihrer Passion?
Wenn ich Musik mache, habe ich auch oft diese Erfahrung, dass mich etwas Größeres als ich selbst berührt. Ich spüre, da passiert etwas, da entsteht etwas. Ich kann mich von mir selbst überraschen lassen. Wenn ich dann aber an einem zurechtgelegten Konzept festhalten möchte, kann es passieren, dass die gerade entstandene Inspiration verschwindet und sich auflöst.

Es ist für mich eine wertvolle Erfahrung, Dinge geschehen zu lassen. Das geht sicher nicht in allen Bereichen des Lebens, aber es ist sehr schön, sich ab und an überraschen zu lassen.


Ich bedanke mich für das berührende Gespräch.

Ich danke auch. 


Mittwoch, 17. Juli 2013

Buddha unter'm Baum

Vor ein paar Wochen habe ich hier mal eine Rezension zu Mark Colemans "Die Weisheit der Wildnis" versprochen. Hier ist sie nun endlich...


 
(c) styleuneed - fotolia.com
Obwohl wir Menschen ganz eindeutig Teil der Natur sind, findet unser Leben größtenteils getrennt von ihr statt. Wir wohnen und arbeiten in Häusern aus Beton und Stahl, trinken unseren Kaffee aus Plastikbechern, fahren Auto anstatt unsere Beine zu benutzen und schauen abends sinnentleerte Fernsehsendungen ohne auch nur einen Gedanken an das Wunder des Sternenhimmels, der draußen auf uns wartet, zu vergeuden. Und sogar wenn wir uns auf die Suche nach unserem wahren Selbst begeben, wenn wir entdecken wollen, wer wir wirklich sind, sitzen wir in Meditationsräumen und Seminarhäusern, die die Natur mehr oder weniger aussperren.

Doch können wir uns selbst entdecken, wenn wir das große Ganze um uns herum gar nicht wahrnehmen, gar nicht an uns heranlassen? Ist ein weiter Teil der momentanen Krise, in der sich die Menschheit befindet, nicht der Tatsache geschuldet, dass uns die Achtung und Wertschätzung für die Natur abhandengekommen ist?

Der Meditationslehrer und Outdoor-Coach Mark Coleman weist in seinem Buch „Die Weisheit der Wildnis“ darauf hin, dass meditative Wege eine lange Tradition der Naturverbundenheit besitzen. Er schreibt: „Die Natur kann uns aufwecken und verwandeln. Seit Jahrtausenden haben Mönche, Mystiker und andere Menschen in Wäldern, Wüsten und Bergen gelebt, meditiert oder Zuflucht gesucht. Sie ließen sich von der unübertrefflichen Stille und Weisheit der natürlichen Welt inspirieren und verinnerlichten die subtilen Lektionen der Natur: Freiheit, Klarheit und Mitgefühl.“
 

Auch der Buddha, dessen Lehren Mark Coleman in seinem Leben und seiner Arbeit zu verwirklichen sucht, fand seine Befreiung, während er unter einem Baum meditierte. Nach seiner Erleuchtung wanderte der Buddha umher und lehrte in Wäldern, Hainen und Wildparks. Vielleicht war es dieser stetige Kontakt zur Natur, der ihn erdete, ihn von metaphysischen Spekulationen abhielt und seine Lehre in eine pragmatische und auf das wirkliche Leben bezogene Richtung führte.

Wie gut täte es uns, uns auf gleiche Weise wieder dem Leben zuzuwenden! Der Kontakt zur Natur, die Liebe zur Erde – das sind die Heilmittel, die die Menschheit heute benötigt, um wieder auf einen heilsamen und zukunftsträchtigen Kurs zu gelangen. Mark Colemans Buch kann ein guter erster Schritt auf diesem langen Weg sein. Seine einfühlsamen Naturbeschreibungen und seine praktischen Meditationsanleitungen tragen den Titel „Die Weisheit der Wildnis“ zu Recht.

Die meditative Wahrnehmung der Natur, die er empfiehlt, lädt uns ein, unseren Blick auf das große Ganze zu richten, unsere innere Verbundenheit mit allen Wesen und Naturvorgängen zu erkennen und lässt uns letztlich vom Beobachter zum Teilnehmer werden.  Wir stimmen uns auf das Lied der Welt ein, verschmelzen mit ihr und entdecken unsere wahre Natur. Mark Coleman führt uns zu einem Innehalten, einer Besinnung auf das Wesentliche: Unsere ursprüngliche Ganzheit ist aufgehoben in der Welt der Natur und kann genau dort gefunden werden!
Ein lohnenswertes und sowohl praktisches wie auch poetisches Buch, dass die Achtsamkeitslehren des Buddha auf die Schönheit unserer Welt richtet und uns mit beidem verbindet.

Dirk Grosser


 





Mark Coleman
Die Weisheit der Wildnis
Selbsterkenntnis durch Achtsamkeit in der Natur
Arbor Verlag 2013
19,90 €





Montag, 15. Juli 2013

Physik und Poesie, Teil 2


Den größten Nachdruck legt das Leben darauf, dass du dich auf das Abenteuer einlässt, dich selbst zu erschaffen. Jeder Augenblick deines Lebens trägt unendliche Bedeutung in sich; alles ruht nun auf deiner schöpferischen Kraft, dich selbst zu formen, denn aus dir heraus kommt die höchste Wirklichkeit. Die Kräfte, die die Sterne formten, sind nun in deinem Selbst-Bewusstsein, und sie schaffen für dich dein ureigenes und freiheitliches Abenteuer, deine Überraschung für das Universum.

Das heißt, dass wir uns in unserem Leben bewusst werden müssen, dass sich die Kräfte, die die Erde schufen,  durch uns ihrer selbst bewusst werden. Aus diesem Grund reden wir über den Nachthimmel, das Meer und das Land. Sie alle enthüllen kosmische Kräfte, die wir haben und zu denen wir werden sollen. Wir sollen als Verlockung und Erinnerung leben, als funkelnde Sensibilität. Und das ist mit der kosmischen Dynamik gemeint, die durch die verschiedenen Lebensformen offenbar wird: Überraschung und Abenteuer. Nenn es ein Spiel – ein Spiel voller Abenteuer und Überraschungen. Das ist es, was das Leben offenbart – das ist das Leben.

Zeige dich selbst so wahrhaftig wie du kannst, und von da an wirst du leuchten in der Freiheit, Ausgelassenheit und Fruchtbarkeit des schöpferischen Spiels.



Brian Swimme

(* 1950, mathematischer Kosmologe, Zitat aus: Das Universum ist ein grüner Drache)