Donnerstag, 25. April 2013

Alles ist gesegnet

Der Sonderweg des keltischen Christentums

 
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Klimawandel, Naturzerstörung, Wald- und Artensterben – die Schreckensmeldungen unsere Umwelt betreffend sind zahlreich und bedrohlich.
Immer wieder hört man auch Stimmen, die die Ursache unseres destruktiven Umgangs mit unserem Planeten auf ein bestimmtes Bibelwort zurückführen:
„Füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet“ (1.Mose 1, 28)
Dass die Fehlinterpretation dieses Wortes oft zur Rechtfertigung eines gedankenlosen Umgangs mit der Natur und ihrer Ausbeutung herangezogen wurde und dass die Grundhaltung einer Erlöserreligion dazu neigt, die Welt von der sie erlöst zu werden hofft, nicht wertzuschätzen, ist sicher unstrittig.
Dass es im Rahmen des Christentums aber noch einen gänzlich anderen Zweig gab und gibt, der eine schöpfungszentrierte Sicht lehrt und diese auch praktiziert, ist Vielen leider unbekannt.
Die Sonderform des Christentums, die sich in den keltisch geprägten Ländern ab dem späten 2. Jahrhundert entwickelte und sich später von dort in das heutige Europa und darüber hinaus ausbreitete, kann zurecht als ein „grünes Christentum“ bezeichnet werden.

Schaut man sich die Wurzeln dieser Sonderform und ihre heutigen Vertreter an, so scheint das keltische Christentum wichtige Antworten auf heutige Fragen zu liefern. Die Kürze dieser Darstellung erlaubt keine genaue historische Abhandlung, doch soll sie einen Einblick in eine Geisteshaltung ermöglichen, von der wir, ob Christ oder nicht, viel lernen können.

Das keltische Christentum ist in bestem Sinne „umweltfreundlich“, auch wenn dieser Begriff in der Entstehungszeit dieser Religion gänzlich unbekannt war und die Haltung eher aus einem ehrfürchtigen Wertschätzen der Schöpfung Gottes geboren wurde. Die positive Einstellung zur Natur resultierte aus einem Gefühl des Eingebundenseins in die Güte der Schöpfung, in die große Feier allen Seins.
So kennt das keltische Christentum zwei Bücher, auf die es sich bezieht: Die Bibel und das Buch der Schöpfung, die Welt der Natur, welche täglich aufgeschlagen und in voller Pracht vor uns liegt.


Eine grüne Religion von der grünen Insel

 
Gerade in Irland verbanden die frühen Mönche das Beste aus zwei Welten und machten sie wieder zu einer Welt, einer Welt Gottes.
Irland war in Europa insofern eine Ausnahme, als es bereits in der Antike christlich wurde, ohne je Teil des römischen Reichs gewesen zu sein. Insofern hielt es sich immer ein wenig „außerhalb des Kontrollbereiches“ der römisch-katholischen Kirche auf und konnte Lehren aus der druidischen Tradition mit in das neu entstehende christliche Weltbild aufnehmen.

Taliesin, der wohl berühmteste Barde, behauptete im 6. Jahrhundert gar, das Christentum hätte es schon immer gegeben und die Druiden hätten schon immer „christlich“ agiert. Dies klingt zwar eher wie ein nachträglich erfundenes Wort, doch ist die Nähe mancher christlichen Tugenden zu druidischen Weisheiten auffallend. Ebenso ist das Druidentum die einzige Form neuheidnischer Spiritualität, in der heute auch bekennende Christen aktiv sind, wie das Beispiel des weltweit größten Druidenordens, des Order of Bards, Ovates and Druids (OBOD) zeigt. 

Eine positive Theologie entstand damals in den keltischen Ländern: Jesus wurde nicht primär als Erlöser der Sünder angesehen, sondern als Vollender von Gottes Schöpfung und Vorbild menschlicher Entwicklung. So sahen es Ende des 2. Jahrhunderts Irenaeus, der Bischof von Lyon, und  später auch Pelagius und Johannes Scotus Eriugena, dessen philosophische Werke großen Einfluss auf die geistesgeschichtliche Entwicklung Europas nahmen, so dass Hegel von ihm sagte: „Eriugena war der erste, mit dem nun eine wahrhafte Philosophie beginnt...“

Betont wurde die Immanenz Gottes, nicht die Transzendenz. Gott oder das Göttliche war eine inwendige Erfahrung, eine Stimme im Herzen jedes Wesens, die als Wegweiser und Richtschnur für ein gelingendes Leben fungierte. Gott war in seiner Schöpfung gegenwärtig und stand nicht außerhalb von ihr, wie diejenigen, die besonderen Wert auf die Transzendenz legten, annahmen.

Ebenso wurde Christus nicht als ferner Herrscher empfunden, sondern als Gefährte, Freund und Lehrer, der auch im Alltag ganz nah war.
Ein schönes Beispiel für diese Sichtweise ist ein Text, der als sogenanntes „Brustschild“ von St. Patrick bekannt ist:

Christus sei mit mir, Christus in mir,
Christus hinter mir, Christus vor mir,
Christus zu meiner Seite, Christus mich zu gewinnen,
Christus mich zu trösten und wiederherzustellen,
Christus unter mir, Christus über mir,
Christus in der Stille, Christus in der Gefahr,
Christus in den Herzen all derer, die mich lieben,
Christus im Munde von Freund oder Fremden.


Innerhalb des keltischen Christentums gab es keine Hierarchie von Patriarchen oder Metropoliten, der Herr der Kirche war ausschließlich Christus. Das Mönchswesen blühte und entwickelte sich, wobei die Klöster größten Wert auf das Studium der Bibel legten, was zu dieser Zeit nicht selbstverständlich war. So bekam Irland bald den Ruf einer „Insel der Heiligen und Gelehrten“ und noch Karl der Große holte aus diesem Grund viele irische Mönche an seinen Hof.


In allem gegenwärtig
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Das Göttliche ist in allen Elementen, in Steinen, Pflanzen und Tieren gegenwärtig. Die Natur ist die Offenbarung der Schöpferkraft Gottes. Biblische Parallelen zu diesem heidnischen Erbe wurden vor allem im Alten Testament, in den Psalmen gefunden, die die keltischen Mönche besonders liebten. Hier springen die Berge wie Widder, Hügel hüpfen wie Schafe, die Bäume klatschen in die Hände vor Freude und zum Lob des Schöpfers, der alles mit seiner Energie belebt. Alles Geschaffene reflektiert diese nährende Liebe und gibt diese weiter!
Eines der bewegendsten Beispiele für den Glauben an eine aktive Gegenwärtigkeit Gottes in der Schöpfung finden wir wiederum bei St. Patrick:

Unser Gott ist der Gott aller Menschen, der Gott des Himmels und der Erde, der Meere und Flüsse, der Sonne und des Mondes und der Sterne, der hochragenden Berge und des tiefen Tals, der Gott über dem Himmel, der Gott im Himmel, der Gott unter dem Himmel. Er hat seine Wohnstatt überall in Himmel und Erde und Meer und in all dem, was darinnen ist. Er inspiriert alles, er regt alles an, er dominiert alles, er erhält alles. Er zündet das Licht der Sonne an; er liefert das Licht des Lichtes; er hat Quellen in das trockene Land gesetzt und Sterne in den Himmel, den größeren Lichtern zu Hilfe.


Hier fällt auf, dass alles im Präsens geschrieben ist: Gott hat nicht irgendwann in der Vergangenheit etwas geschaffen und sich danach zur Ruhe gesetzt, sondern sendet seine Schöpferkraft jeden Tag neu aus! Die Erde und alles, was auf ihr lebt, ist Ausdruck dieser Kraft.
Das keltische Kreuz, bei dem ein symmetrisches Kreuz (die Auflösung der Gegensätze) von einem Kreis (die Ganzheit und Vollkommenheit der Schöpfung) überlagert wird, ist bis heute in den keltischen Ländern üblich.


 
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Beide Bereiche sind zusammengefasst in Einem. Es gibt, anders als in manchen kirchlichen Zirkeln heutzutage, keine strikte Trennung von Heiligem und Profanen. Gebete werden für jede alltägliche Tätigkeit gesprochen, alles ist von Heiligkeit durchdrungen, weil Gott alles durchdringt und erhält.

Lehre mich, mein Gott und König, in allen Dingen dich zu sehen

und alles, was ich tue, zu tun als wäre es für dich.
George Herbert

Wenn man in allen Dingen das Göttliche erkennt, wird es unmöglich, zerstörerisch oder rücksichtslos zu handeln. Wenn ich Gott liebe, liebe ich die Schöpfung Gottes ebenso. Mit dem, was ich liebe, gehe ich achtsam um. Ich ehre es und möchte es verstehen.
Manche keltischen Mönche sahen die Natur sogar als Gottesbeweis an, da sie glaubten, dass die Existenz Gottes durch die genaue Beobachtung der Ordnung und Schönheit seiner Schöpfung bestätigt werden könne.

Verstehe die Schöpfung, wenn du den Schöpfer kennen willst...
Denn diejenigen, die die weite Tiefe zu kennen wünschen,
müssen zuerst die Natur überdenken.

St. Columbanus

Da das Göttliche in allen Wesen gegenwärtig ist, nimmt der Mensch auch keine Sonderstellung als „Krone der Schöpfung“ ein. Auf die Idee, dass Tiere keine Seele haben, wie es die römisch-katholische Kirche immer noch propagiert, wäre ein keltischer Mönch niemals gekommen, denn wie sollte ein Wesen ohne Seele leben können?! Alles, was lebt, ist von Gott beseelt, hat von Gott den Lebensodem eingehaucht bekommen.


Der pelagianische Streit und die Folgen


Gemäß dem Bibelvers „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (1. Mose 1,31) wurde die Natur von den schottischen und irischen Mönchen und ihren Glaubensbrüdern aus der Bretagne als grundsätzlich gut angesehen. Die Idee einer Erbsünde, von der erlöst zu werden wir bedürfen, ist eine tragische Verzerrung, die der Kirchenvater Augustinus etablierte.
Einer der größten Gegner des Augustinus war der britische oder irische Mönch Pelagius, der in seinen Predigten vehement bestritt, dass die Menschheit zum Schlechten prädestiniert und zur Verdammnis bestimmt sei, wie Augustinus es lehrte. Die Lehre der Prädestination und der ererbten Sünde widersprach laut Pelagius der von Gott gegebenen Willensfreiheit des Menschen und ebenso seinem göttlichen Ursprung als Teil der Schöpfung. Er zeigte auf, dass Augustinus’ Lehre darauf hinauslief, dem Bösen den gleichen Rang wie dem Göttlichen einzuräumen und einem folgenschweren Fatalismus Tür und Tor zu öffnen.
Augustinus ging mit bis dahin in der Kirche unbekannter Härte und Intoleranz gegen Pelagius vor und setzte sich letztlich durch, konnte jedoch nicht verhindern, dass die Ideen Pelagius’ weiter in der Geschichte wirkten.

So wurden die pelagianischen Lehren erneut durch den sog. Semipelagianismus belebt, dessen auch Johannes Cassian verdächtigt wurde, ein (wahrscheinlich rumänischstämmiger) Mönch auf den die Praxis des Ruhegebetes (eine frühe Form christlicher Meditation) zurückgeht und der ein großer Einfluss für Benedikt von Nursia, den Vater des europäischen Mönchwesens, war.

So schimmert auch heute in diesen Meditationsformen, wie sie z.B von John Main, der sich ebenfalls auf Johannes Cassian berief, und Laurence Freeman weiterhin gelehrt werden, die Liebe zur Schöpfung und ihrer Einheit hindurch.
Der ehemalige Dominikanerpater Matthew Fox hat den Begriff „Schöpfungsspiritualität“ wieder zurück in die kirchliche Debatte gebracht (leider nicht sehr erfolgreich) und Menschen wie der irische Pater Seán ÓLaoire, dessen Großvater noch vielen Nachbarn als Druide galt, machen das Erbe ihrer heidnischen Wurzeln heute sichtbar. Sowohl Fox als auch ÓLaoire dürfen heute übrigens nicht mehr predigen, da sich ihre Ansichten nicht mit der offiziellen Lehrmeinung der römisch-katholischen Kirche decken.

Sogar in der modernen Physik gibt es vermehrt Stimmen, die den Erkenntnissen der Naturreligionen und des frühen keltischen Christentums Tribut zollen. Der amerikanische Physiker Brian Swimme, der selbst indianische Vorfahren hat, weist nachdrücklich darauf hin, dass die Erkenntnis der Einheit allen Seins unser angestrebtes Ziel sein sollte:

Die irdische Gemeinschaft als Ganzes muss als unsere
Heimat begriffen werden, als Mutterschoß von Schöpferkraft
und Leben.


Die keltische Spiritualität und später das keltische Christentum haben diesen Mutterschoß immer geachtet, haben das Leben als einen Prozess verstanden, an dem alles beteiligt ist.
Weibliches und Männliches wurden integriert und als gleichwertig erkannt, was sich auch darin auswirkte, dass die ersten keltisch-christlichen Klöster oft Frauen in Leitungsämter einsetzten und sowohl zölibatär lebende als auch verheiratete Geistliche zuließen. Eine Praxis, von der die römisch-katholische Kirche heute noch viel Positives lernen könnte.


Unser keltisches Erbe und das Gutsein der Natur

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Als das römische Reich im 5. Jahrhundert zerbrach, begann auch ein Rückzug des Christentums, welches als Staatsreligion Roms von dessen Untergang ebenso erschüttert wurde. Die britischen Inseln entwickelten sich in der Folge zu Refugien europäischer Christen und die speziell keltische Ausrichtung dieser Religion verbreitete sich hier immer weiter.

Missionare wie der heilige Columbanus brachen von hier zu Missionsreisen auf das Festland auf. Er gründete Klöster in den Vogesen und in Nordfrankreich, besuchte die Schweiz und gründete Gemeinschaften in Metz und Bregenz. Einer seiner Mönche namens St. Gallus blieb in der Schweiz, und um die Klostergründung dieses Mönchs nahm die Siedlung St. Gallen ihren Anfang.

Columbanus zog weiter nach Norditalien und gründete das Kloster Bobbio, welches später von Franz von Assisi besucht wurde und welches vielleicht Einfluss auf dessen Naturverständnis nahm.

Weitere Missionare, unter ihnen St. Kilian, der als Namenspatron für die Kilianskirche in Paderborn bekannt ist und dessen Standbild noch heute auf der Mainbrücke in Würzburg zu sehen ist, reisten durch Europa.
Sogenannte „Schottenklöster“, die in Wirklichkeit mit irischen Mönchen besetzt waren, hinterließen ihren kulturellen Einfluss in Wien, Regensburg, im Harz und im Thüringer Wald und an vielen anderen Orten. In der Würzburger Universität lagern beispielsweise heute noch viele wertvolle irische Manuskripte.

In England hielt sich das keltische Christentum bis zur Synode von Whitby im  Jahr 664, in Wales überdauerte es bis ins 9. Jahrhundert und in Schottland sogar bis ins 12. Jahrhundert.
Die Existenz der keltischen Kirche wurde offiziell 1172 beendet, als die Synode von Cashel das keltische Christentum unter das wieder erstarkte römische System brachte.

Die Geisteswelt dieser Tradition ist aber weiterhin auffindbar.
Mit den keltischen Mönchen, ihren Wurzeln im Druidentum und anderen heidnischen Traditionen, mit Pelagius und mit den modernen Vertretern einer schöpfungsorientierten Spiritualität können wir uns heute auf einen der sympathischsten Züge des Christentums besinnen: Dass Gott Gutes schafft und dass all dies Gute miteinander in der Liebe verbunden ist.

Wir sind nicht allein. Tiere und Pflanzen, das Rauschen der Wälder, schneebedeckte Berggipfel und die Tiefen des Meeres sind Teil dieser durch und durch guten Schöpfung, die uns umgibt, durchdringt und uns zu Ihresgleichen zählt.
Dass wir diese Schöpfung ehren und schützen sollten, weil wir ansonsten nicht nur uns selbst unserer Lebensgrundlage berauben, sondern auch vom Göttlichen Geschaffenes töten, machen abschließend noch einmal keltische Worte klar – ein Gedicht aus der Carmina Gadelica, einer Textsammlung aus dem 19. Jahrhundert:

Nicht eine Pflanze im Boden,
Die nicht voll Seiner Tugend,
Kein Wesen an Land
Das nicht voll Seines Segens.
Kein Leben in der See,
Kein Geschöpf im Fluss,
Nichts am Firmament,
Das nicht verkündet Seine Freundlichkeit.
Kein Vogel im Fluge,
Kein Stern am Himmel,
Nichts unter der Sonne,
Das nicht verkündet Seine Güte.



© Dirk Grosser


2013 und 2014 werde ich Meditationskurse anbieten, die sich auf das keltische Verhältnis von Natur, Gott und Mensch beziehen. Auch eine Irlandreise gemeinsam mit Jennie Appel und Seán ÓLaoire wird es 2014 wieder geben. Dazu werde ich hier demnächst mehr posten.