Freitag, 15. Februar 2013

Neue Wardruna CD

Ende März erscheint endlich die neue Wardruna-CD, nachdem mich das Debüt "Gap var Ginnunga" 2009 hat staunen lassen und mich seitdem auch nicht mehr loslässt...
Hier schon mal eine kleine Hörprobe des neuen Albums "Yggdrasil":









Das Licht einer größeren Wirklichkeit


Ein anderer Blick auf Indien

Vrindavan, Indien – mythischer Kindheitsort des Gottes Krishna, Stadt der 5.000 Tempel und heutiger Pilgerort. Träge bewegt sich der Fluss Yamuna im Morgendunst an den Steinstufen der befestigten Ufer entlang. Die ersten Sadhus, ein paar wenige Touristen und die ersten Pilger aus Ost und West atmen gemeinsam die Stille ein, die den Morgen umhüllt.
Hier ist das spirituelle Indien spürbar. Das Indien, das den GEIST sichtbar und erfahrbar werden lässt. Wo ein Bild entsteht, das transparent ist für das Immaterielle, für eine Wirklichkeit, die all das Alltägliche – den Fluss, die Stadt, die Menschen, die Affen und Kühe, die Rituale und die bescheidenen Opfergaben – umfasst und gleichzeitig auf so viel mehr verweist.

(c) André Wagner

Stille in der Tiefe


Indien wird oft als grell wahrgenommen und in der üblichen Berichterstattung auch so dargestellt: laut, dreckig, chaotisch, bunt, manchmal gar geckenhaft. Der Blick des Westlers, konditioniert auf Extreme.
Doch ein Morgen wie dieser zeigt das andere Indien. Ein Ort, an dem Stille nichts mit den Geräuschen der Umgebung zu tun hat, sondern wo sich eine innere Qualität auf geheimnisvolle Weise in der äußeren Welt manifestiert und die Grenzen zwischen beiden Welten verwischen. Der Fotograf André Wagner hat viele solcher Morgen erlebt, denn er ist gern im weichen Halblicht unterwegs: In der Abenddämmerung, wenn, wie er schreibt „die Inder ihr Land durch einen Seitenausgang zu verlassen scheinen… und sich plötzlich Leere offenbart“; frühmorgens, wenn die Welt noch nicht ganz wach ist, die Augen ausgeruht, der Geist unverbraucht.
In diesen Zwischenzeiten entstehen Wagners Fotos. Wenn das erste oder das letzte Licht des Tages das Orange eines Schals trifft, den sich ein Sadhu kunstvoll um den Kopf geschlungen hat, wenn sich Rikshas im Nebel und Staub aufzulösen scheinen, wenn die Augen eines Pilgers in einer größeren Wirklichkeit versinken, wenn ein Lächeln nicht für die Kamera aufgesetzt wird, sondern aus einem Ruhen im Transzendenten aufscheint.

Vom Göttlichen berührt

(c) André Wagner
Ich mag Wagners Blick auf Indien, der nicht nur viele Farben zeigt, sondern vor allem die Harmonie dieser Farben, die sich in einer respektvollen Haltung dem Leben gegenüber ausdrückt. Hier wird deutlich, was ein Land wie Indien dem Westen schenken kann. Wenn sich die Besitzer kleiner Verkaufsstände zu ihrem Morgenritual begeben, um die Götter um Unterstützung für ihre alltäglichen Geschäfte zu bitten; wenn ein Gläubiger am Straßenrand Niederwerfungen praktiziert und sich weder die Passanten und Autofahrer an ihm stören, noch er sich an ihnen; wenn die Affen am Berg Govardhana gefüttert werden oder Hirtenkinder mit Wasserbüffelkälbern spielen – die Vielfalt des Alltags ist Teil eines eigenen Kosmos voller Mystik, voller Berührung des Göttlichen.
Trotz Armut auf der einen Seite und technologischer Entwicklung auf der anderen, bewahrt sich Indien seine spirituelle Identität. Heilige Flüsse fließen nicht nur durch Landschaften mit kargen Steppen, wilden Bergen oder blühenden Mangohainen, sondern auch an Dorfschulen vorbei und durch verwirrend wuselnde Städte. In Dörfern und Großstädten gibt es heilige Bäume, die von Menschen umrundet werden, um Segnungen zu erhalten – und heilige Kühe blicken mit ihren sanften Augen auf eine Kultur, die sie nicht so schändet wie ihre Verwandten im Rest der Welt es erfahren müssen.
Kommen wir Indien nah, so erkennen wir, dass die heiligen Flüsse ihre innere Entsprechung in den heiligen Strömen finden, die durch die Herzen der Menschen fließen und oft in ihren Augen zutage treten. Ebenso sind die Bäume Bilder eines Mittelpunktes im Leben, der in der inneren Erlebniswelt den wahrhaft lebendigen, da lebendig und wert gehaltenen Göttern entspricht. Und ein beredteres Symbol für eine innere Haltung der Achtung vor einer anderen Kreatur als eine indische Kuh – die als Mutter, die alles Leben schenkt, angesehen wird –, lässt sich schwer finden.
Spiritualität ist in Indien offen, nicht nur im Sinne einer großen Vielfalt, sondern vor allem im Sinne einer offen gelebten Beziehung zum Göttlichen, zum Absoluten, zum Ursprung und Geheimnis des Lebens selbst.
Indien lässt einen tiefen Blick zu und versteckt sich nicht. Wir müssen nur Stille atmen, uns vom  Morgendunst einhüllen lassen und sehen lernen…

Dirk Grosser



   







André Wagner: Reflections of India




Vielen Dank an das Magazin DAS WESENTLICHE, in dessen aktueller Ausgabe mein Artikel erschienen ist.  

 

Freitag, 8. Februar 2013

An das Gute glauben…

Manchmal will man nur unterhalten werden und sich entspannen. Man schaut sich einen Film an, erwartet ein bisschen Humor oder Action und stellt sich innerlich auf sanfte Berieselung ein. Und ab und an passiert es dann, dass man überrascht wird, dass der Film doch – ob vom Regisseur gewollt oder nicht – noch eine andere Ebene anspricht und nachdenklich macht.

So ging es mir, als ich neulich Abend „Our Idiot Brother“ von Jesse Peretz in den DVD-Player legte. Eine kleine Independent-Komödie um den vermeintlichen Naivling Ned (absolut überzeugend und sympathisch gespielt von Paul Rudd), der unerschütterlich an das Gute im Menschen glaubt. Nachdem er einem Polizisten Gras verkauft hat, weil dieser ihm von seinem Stress berichtete, landet er erst einmal im Knast, wo er vor allem seinen Hund Willie Nelson vermisst. Wieder entlassen wohnt er dann abwechselnd bei seiner Mutter und seinen drei Schwestern, deren Leben bzw. Karrierestreben er unbeabsichtigt mit seiner schlichten Liebe zur Wahrheit torpediert. Beziehungen zerbrechen, Jobs erledigen sich von selbst – und mitten im Auge des Hurrikans findet Ned mit seiner Bereitschaft bedingungslos zu lieben eigentlich nur in seinem Hund ein entsprechend großherziges und passendes Gegenüber. 

Je länger man Ned zusieht, wie er versucht, sich durch eine Welt zu bewegen, die so ganz anders ist als sein eigener Charakter, desto mehr fragt man sich, wie zynisch eine Gesellschaft sein muss, in der derjenige, der an das Gute glaubt und für den Freundschaft, Verbundenheit, Wahrheit und Liebe die einzig echten Werte darstellen, als Idiot gilt… 

Ned hat keinerlei Interesse an Geld oder Karriere, er braucht kein Auto und kein repräsentatives Haus – er will eigentlich nur mit Willie Nelson herumtoben, mit seinem kleinen Neffen spielen, Gemüse anbauen und mit den Menschen zusammen sein, die er liebt. Er hat keine Begabung für soziale Lügen und er ist unverbesserlich davon überzeugt, dass ausnahmslos alle Menschen einen guten Kern haben und deshalb sein absolutes Vertrauen, sein offenes Ohr und seine helfende Hand verdient haben. 

Einiges, was er anpackt, geht gehörig schief und als Zuschauer kann man sich manchmal nur gemeinsam mit Neds Bewährungshelfer wundern – doch dann fragt man sich schon, warum unsere Welt so ist, wie sie ist, und warum wir Lügner und Schaumschläger hofieren, während wir über den Ehrlichen lachen.

Die Welt wäre sicher chaotischer, wenn mehr Menschen so wie Ned handelten, aber nach diesem Film werde ich das Gefühl nicht los, dass sie dennoch ein besserer Ort wäre.