Montag, 30. Dezember 2013

David Whyte: Natur und Poesie


Es gibt Menschen, die mit Worten Bilder malen: manchmal sind es plastische, große Ölgemälde von raumgreifender Schönheit, manchmal braucht es nur ein paar schnelle Tuschestriche, die den ganzen Zauber eines Moments einfangen.
Einer der großen Meister dieser Wortkunst ist für mich der englische Dichter David Whyte, dessen Werke – er hat sieben Gedichtbände und drei weitere (Prosa-) Bücher veröffentlicht – leider noch nicht auf Deutsch erschienen sind.
Vielleicht ist manch einem dennoch schon einmal eines seiner Gedichte begegnet. Manchmal hat man das Glück, ein paar seiner Zeilen in Büchern anderer Autoren (z.B. Bill Plotkin oder Richard Rohr) zu finden und dann festzustellen, dass Whyte all das, was die Autoren auf vielen Seiten beschreiben, mit wenigen präzisen und berührenden Worten zu einem Bild verdichtet, das man nicht mehr vergisst…
Die folgenden drei Beispiele vermitteln vielleicht einen Eindruck davon.

Die Reise 

Über den Bergen
   tauchen die Gänse
      wieder ins Licht,


malen ihre
   schwarzen Silhouetten
      in den weiten Himmel.


Manchmal
   muss alles
      in den Himmel
         eingezeichnet werden,


damit du
   die eine Zeile findest,
      die bereits in dir
         geschrieben steht.


Manchmal
   braucht es
      einen großen Himmel,


um den ersten hellen
   und unbeschreiblichen
      Streifen der Freiheit
         in deinem eigenen Herzen zu finden.


Manchmal
   hat dir jemand
      mit den Skeletten der schwarzen Holzscheite,
         die übrig blieben
            als das Feuer erlosch,


etwas Neues
   in die Asche deines Lebens
      geschrieben.


Du gehst nicht fort,
   auch wenn das Licht nun rasch schwindet,
       du kommst an.

 
(Übersetzung: Andrea Stendel)


Manchmal

Manchmal,
wenn du dich vorsichtig
durch den Wald bewegst,

atmend
wie die Menschen
in den alten Geschichten,

die ein schimmerndes Bett aus Blättern
ohne ein Geräusch überqueren konnten,

kommst du an einen Ort,
dessen einziger Zweck es ist,

dir kleine aber beängstigende Fragen zu stellen,

ersonnen aus dem Nichts,
die aber an diesem Ort beginnen
überall hinzuführen.


(Übersetzung von mir)


Tilicho Lake
 
An diesem hohen Ort
ist es ganz einfach:
Lass alles, was du weißt, hinter dir.
 

Geh auf die kalte Oberfläche zu,
sprich das alte Gebet schlichter Liebe
und breite die Arme aus.

Die mit leeren Händen kommen,
werden staunend in den See blicken,
dort im kalten Licht,
im Widerschein des reinen Schnees:

die wahre Form deines eigenen Gesichts.


(Übersetzung: Ulrike Strerath-Bolz)


Auf seiner Webseite findet man ein paar weitere deutsche Übersetzungen – es lohnt sich wirklich, in David Whytes Bilder-  und Wortwelt einzutauchen. Hier verbinden sich Naturbeobachtung und Poesie in großartiger Weise!
Und vielleicht kommt ja doch ein deutscher Verlag mal auf den Geschmack und veröffentlicht einen seiner Gedichtbände. Das wäre eine wirklich gute Pfadfinder-Tat!


Samstag, 28. Dezember 2013

Furchtlosigkeit



Wirkliche Furchtlosigkeit erwächst aus der Zartheit, aus der Bereitschaft, dein verwundbares, wunderbares Herz von der Welt berühren zu lassen.
Du bist bereit, dich ohne Abwehr und ohne Scheu der Welt zu öffnen, und du bist bereit, dein Herz mit anderen zu teilen.


Chögyam Trungpa
(1939 - 1987)

Sonntag, 1. Dezember 2013

Jetzt malen & gewinnen!



Der kleine Dirk (42, aus Bielefeld) auf seiner Reise

Zum 1. Advent starten wir unser ganz persönliches "Meditations-Preisausschreiben" :-)

Alle Kinder, die uns ein selbstgemaltes Bild zum schönsten Moment ihrer Meditation aus unserem Buch "Du bist nie allein!" zusenden und damit gleichzeitig erlauben, dass wir es im Gewinnfall anderen Menschen zeigen dürfen (z.B. hier auf diesem Blog), nehmen an der Verlosung teil!


Zu gewinnen gibt es: 3x eine CD mit einer für dich persönlich gesprochenen Meditation DEINER WAHL aus unserem Buch (die es sonst nicht auf CD im Handel erhältlich gibt)
Für uns ist das, als würdet ihr uns eine Postkarte von eurer Reise zusenden - wir freuen uns schon sehr auf eure Bilder!


Alle selbstgemalten Bilder schickt bitte bis zum 31.12.2013 an:
Jennie Appel & Dirk Grosser
Biggeweg 8
33649 Bielefeld


Vergiss bitte nicht, deine Adresse und den Namen der gewünschten Meditation mitzuschicken! :-)
Wir freuen uns natürlich auch darüber, wenn du uns dein Alter verrätst.


***Einsendeschluss: 31.12.2013***

Unter allen Einsendungen entscheidet das Los. Die Meditation der Wahl wird dann sobald als möglich aufgenommen und zugesendet. 


Liebe Grüße, 
Jennie und Dirk

Montag, 25. November 2013

Gemeinsam wachsen


(c) by mattox
Die meisten Hollywood-Schmonzetten enden damit, dass sich das Pärchen nach einigen entweder lächerlichen oder wahlweise hochdramatischen Schwierigkeiten in die Arme sinkt. Als Zuschauer geht man mit dem Gefühl aus dem Kino, dass nun alles gut sei und die wahre Liebe letztlich gesiegt habe.
In der wirklichen Welt ist solch ein Sieg aber in den seltensten Fällen von Dauer, sondern muss täglich zwischen dreckiger Wäsche, finanziellen Herausforderungen und nörgelnden Kindern neu errungen werden. Dazu kommt in manchen Fällen auch noch eine spirituelle Note – und dann wird es richtig kompliziert…

Die eigentliche „Arbeit“, die jede Beziehung erfordert, beginnt erst nach dem ersten romantischen Kuss im Sonnenuntergang. Natürlich kann man diese Arbeit auch vermeiden, wenn beide Partner damit zufrieden sind, nebeneinander her zu leben und sich gegenseitig als mehr oder weniger regelmäßige Beischlafgelegenheit zu betrachten, bei der man nicht allzu viel Emotionen investieren muss. Manchmal kann man auch einfach nur zusammen sein, sich nicht weiter aneinander stören und sich praktischerweise die Lebenshaltungskosten teilen. Vielleicht wären solche Partnerschaften eine Alternative, doch ich wage zu bezweifeln, dass uns fehlende emotionale Tiefe auf Dauer glücklich machen würde.
„Arbeit“ ist natürlich in diesem Zusammenhang ein nicht so schöner Begriff, aber die Offenheit, die Geborgenheit und Freiheit in einer Liebesbeziehung zur gleichen Zeit möglich macht, entsteht meist nicht von selbst. Auch Bruce Springsteen sang schon „I’ll WORK for your love“ – und der ist bekanntlich „der Boss“ und muss es wissen…

Unser Herz für den anderen offen zu halten, ist ein aktiver Prozess, der es verlangt, mit seinem Partner „mitzugehen“, ihn zu unterstützen, ihn zu halten und gleichzeitig freizulassen. Ein Baum kann nur wachsen und gesund bleiben, wenn er auf der einen Seite starke Wurzeln hat, die ihm Halt geben, und auf der anderen Seite über genug Freiraum – den weiten Himmel über sich – verfügt, um sich ganz zu entfalten.
Ähnlich ist es auch mit uns Menschen. Wir brauchen dieses Gleichgewicht aus Geborgenheit und Freiheit, das es uns ermöglicht, alle Facetten unserer Existenz auszuleben.

Wenn wir jetzt glauben, dass Spiritualität die Sache generell einfacher macht, dann irren wir uns gewaltig. Spiritualität ist nämlich nicht selten ein ernstes Problem, da sich – jetzt bitte nicht erschrecken! – spirituell interessierte Menschen oftmals völlig unvorhersehbar entwickeln, was für den jeweiligen Partner nicht immer einfach sein muss. Da ist ein Hobby wie Base-Jumping oder Haitauchen oft leichter zu verkraften.
Aber ernsthaft – es läuft doch oft so: Wir verlieben uns, kommen uns näher, binden uns, und haben dann nach einiger Zeit ein Bild von unserem Partner im Kopf, eine Erwartung. Genau diese Erwartung ist aber der Grund, warum viele Partnerschaften nicht funktionieren. Plötzlich sehen wir, dass sich etwas beim Partner entwickelt, das gar nicht mehr dem Bild entspricht, welches wir von ihm haben.
Auf spirituellen Seminaren begegnet man immer wieder Frauen, die sich 25 Jahre um die Familie gekümmert haben und sich jetzt, da die Kinder aus dem Haus sind, anderen Dingen zuwenden. Und oft hört man dann auch die Klage, dass sich die Männer mit dieser Entwicklung so gar nicht anfreunden können. Ihnen wäre es lieber, wenn alles so bliebe wie bisher…
Doch ist es nicht ein großes Geschenk, wenn wir Menschen dabei begleiten können, sich zu entwickeln und zu entfalten? Haben wir wirklich so viel Angst, dass wir uns wünschten, Menschen wären statisch und blieben immer gleich?

Da wären wir wieder bei der „Arbeit“, unser Herz für den anderen offen zu halten. Das betrifft übrigens immer beide Seiten, was von den genannten Damen auf den Seminaren auch gern einmal übersehen wird. Wenn ein Partner spirituell interessiert ist und der andere nicht, so braucht es von beiden Seiten Akzeptanz. Um es ganz klar zu sagen: Wenn jemand seine Spiritualität entdeckt, wird er in den seltensten Fällen in eine Höhle im Himalaya ziehen und sich fortan nur noch mit dem Yeti unterhalten. Und genauso wenig ist jemand, dem AC/DC mehr sagt als Jesus oder Buddha, kein Idiot, der den ganzen Tag in der Nase bohrt.
Es ist möglich, sich an einem Ort zu treffen, der Geborgenheit bietet, einem Ort, an dem Liebe ihren Raum hat. Und gemeinsam kann man feststellen, dass dieser Ort keine Wände hat, die uns einsperren. Wenn Wände auftauchen, dann sind sie aus Angst gemacht – und mit Angst kann man gemeinsam umgehen.

Den Partner zu brauchen, mag manchmal anheimelnd klingen, ist es aber zu wörtlich gemeint und jemand scheint ohne seinen Partner nicht lebensfähig, wird es eher peinlich als romantisch.
Wir können unseren Partner ruhig freilassen und ihm den Raum geben, den seine Entwicklung jetzt benötigt. Wir werden mit einem glücklichen Menschen an unserer Seite belohnt werden. Und umgekehrt können die spirituell Interessierten unter uns den Menschen neu schätzen lernen, zu dem sie zurückkehren und dessen Bodenständigkeit sie ebenfalls erdet.

Wovor sich auch ängstigen? Selbst der Yeti ist doch ein recht einsilbiger Gesprächspartner und AC/DC recyclen jedes Jahr nur ihre eigenen Riffs. Leben und leben lassen war schon immer ein guter Rat…
Wem auch immer sei Dank, dass Menschen unterschiedlich sind. Gerade diese Unterschiede fordern uns heraus und machen das Leben spannend.
Bestimmt ist es schön, gemeinsam zu meditieren und gemeinsam einem bestimmten spirituellen Weg zu folgen. Doch wenn man aus völlig unterschiedlichen „Lagern“ stammt und sich gegenseitig respekt- und liebevoll hinterfragt, kann das beide Partner mehr beflügeln als wenn man sich nur immer wieder selbst bestätigt und sich versichert, dass man schon „auf dem richtigen Weg“ sei.

Um nochmal kurz vor Ende dieses Artikels die Kurve zu kriegen: Die wirklichen Helden kann man nicht im Kino bestaunen, sondern in seiner Nachbarschaft. Paare, die füreinander lebendig bleiben, die ihre Unterschiedlichkeit wertschätzen (auch wenn sie manchmal darüber schmunzeln müssen), die einander Raum geben und bei denen der Abwasch und die Kindererziehung sowohl von der praktizierenden Buddhistin als auch vom Wrestling-Fan übernommen werden. Paare, die einander Halt geben und gleichzeitig die Freiheit schenken, sich ihrem Charakter gemäß zu entwickeln – die getrennt zum Meditationsseminar und zum Monstertruck-Rennen gehen, aber dennoch gemeinsam auf dem Weg sind, ganz sie selbst zu werden, und sich dabei mit all ihrer Authentizität zu unterstützen!

Dirk Grosser

Vielen Dank an Christiane Schöniger vom Magazin SpiritLive, die meinen Artikel in der aktuellen Ausgabe veröffentlicht hat.



Freitag, 13. September 2013

Erdtrommel



Die Trommel war eines der ersten Instrumente, die Menschen für ihre Rituale, für ihre Tänze, für ihre Kommunikation mit den Ahnen, den Göttern und den Kräften der Natur verwendeten. Seit Urzeiten begleitet uns ihr Klang, erinnert uns manchmal an das Geräusch des Donners, dann wieder an galoppierende Huftiere, an knackende Holzscheite im nächtlichen Feuer oder an prasselnde Regentropfen auf ausgedörrter Erde.

Die Trommel schafft Verbindung zur Welt des Lebendigen, zu den Kräften, die uns umgeben und zu denen, die wir in unserem Herzen und unserem Bauch spüren können.

Das Erdtrommel-Stück auf dieser CD steht ganz in der Tradition dieser ersten Trommelstücke, die Menschen gespielt haben. Es ist ein einziges langes Stück, eine Meditation, die uns mit ihrem Rhythmus immer tiefer in die Welt und in uns selbst eintauchen lässt. Die Trommel kann uns berühren und etwas in uns wecken: archaische Gefühle, die Energie unseres Herzschlages, die Energie unserer Mitte, das Empfinden der Zugehörigkeit zum atmenden und pulsierenden Kosmos. 

Die CD kann verwendet werden, um sich auf eine innere Reise zu begeben, um einen tranceartigen Zustand zu erlangen, um eigene Rituale musikalisch zu untermalen oder um einfach nur die Energie beim Zuhören zu spüren.

Ich wünsche allen Hörerinnen und Hörern eine innige Verbindung zum Rhythmus der Erde und zu ihrem eigenen Rhythmus!

Übrigens: Wenn Ihr meine Trommelmusik mögt und diese einmal live hören möchtet (sowohl meditative als auch druckvolle, tanzbare Stücke), dann möchte ich hier nochmal auf unsere Veranstaltungen hinweisen: 21.09. - Heilkunsttag & Feuerzeremonie / 05. und 06.10. - Schamanische Heilkunst / ... und auf der Frankfurter Buchmesse werde ich dieses Jahr auch live spielen! Näheres zu den einzelnen Terminen findet Ihr hier. Würde mich freuen, Euch zu sehen...



Dirk Grosser

Donnerstag, 12. September 2013

Die Berge Kaliforniens



(c) A. Karnholz - fotolia.com
Die Kunst des nature writings ist hierzulande noch wenig bekannt, so wenig, dass es noch nicht einmal ein deutsches Wort für diese Form des Schreibens gibt. Zwar gibt es auch bei uns Autoren wie etwa Andreas Weber oder Jürgen Goldstein, die sich diesem Genre zugetan fühlen und sie heute neu beleben, doch die Ursprünge dieser Literaturgattung liegen eindeutig in den USA, woher auch ihre berühmtesten Vertreter kommen: Henry David Thoreau, Ralph Waldo Emerson, Walt Whitman und vor allem John Muir.

Muirs Schriften sind Klassiker des nature writings. Die Berge Kaliforniens erschien erstmals 1894 und liegt nun auch endlich in deutscher Übersetzung vor. Das Buch verbindet intensive Naturbeobachtung und Naturbeschreibung mit gesellschaftlichen Überlegungen und tiefgehenden spirituellen Erfahrungen. Die Natur war für Muir der Tempel Gottes, in ihr konnte er alles finden, was für ihn wesentlich war.

Er lässt sich verzaubern von den Wäldern, den Sonnenstrahlen, den Bewegungen der Tiere, dem Plätschern eines Baches, dem Ziehen der Wolken. Er lässt sich berühren vom Wind, vom kalten Regen und von der Hitze des Tages. Er lauscht, hört auf jedes noch so kleine Geräusch, welches aneinander reibende Äste oder kleine Tiere im Unterholz von sich geben. Alles, was ihn umgibt, regt ihn zu tiefen Gedanken über die Welt und die Rolle des Menschen in ihr an. Und er schafft es, diese Gedanken in einer unmittelbar berührenden Sprache zu vermitteln, die mit ihrer Schönheit und ihrer heute noch drängender gewordenen Aktualität beeindruckt. Wenn er davon schreibt, wie wir Menschen gemeinsam mit den Tieren und den Bäumen die Milchstraße entlangwandern, wenn er das Wesen der Bäume erfasst und diese so beständig erscheinenden grünen Gesellen als wahre Reisende tituliert, wird der mystische Zugang deutlich, den Muir zur Welt hatte. Ein Zugang, der ihn letztlich dazu brachte, mit dem Yosemite-Nationalpark ein riesiges Schutzgebiet zu schaffen und als sogenannter „Wildnisprophet“ oder auch „Bürger des Universums“ in die amerikanische Geschichte einzugehen.

Mir ist es eine große Freude, dass der Berliner Matthes & Seitz Verlag diesen Autor nun auch endlich einem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht. Diesem verlegerischen Mut gebührt höchste Anerkennung, denn ein Bestseller wird Muir wohl hierzulande nicht gerade werden. In Zeiten immer kürzer werdenden Aufmerksamkeitsspannen, sind seine Überlegungen, die sich viel Zeit und viel Ruhe lassen, für viele heutige Leser wahrscheinlich eine Herausforderung. Doch es lohnt sich, die Welt durch Muirs Augen zu betrachten, neu zu entdecken, wie viel Sinn in einem kurzen Gesang eines Vogels oder dem Wechsel der Jahreszeiten offenbar werden kann. Wenn in Muirs Worten die untergehende Sonne die Bäume in bernsteinfarbenes Licht taucht und ihnen zuwispert, dass ihr Friede auf ihnen liege, dann kann dieser Friede auch in unserer Seele lebendig werden.

Dirk Grosser