Dienstag, 13. November 2012

Scott Cunningham über Naturmagie

Hier ein für manche Leser sicher ungewöhnlicher Weg der Naturerfahrung und der Naturnähe: Scott Cunningham (1956 – 1983), Autor vieler Werke im Bereich Neo-Paganismus, beschreibt hier seinen persönlichen Weg zur Naturmagie, seine Ansprüche daran und seine Hoffnungen, diesen Pfad betreffend.

Seit meiner frühesten Kindheit bin ich fasziniert gewesen von der Natur in all ihren wunderbaren Formen. Der Anblick eines Feldes blühender Wildblumen, die Struktur eines Granitfelsens – dies sind die Bilder meiner Kindheit, an die ich mich am lebhaftesten erinnern kann.
Während die anderen Jungs in meinem Alter lieber mit Fußbällen um sich warfen oder die Geheimnisse von Motoren und Vergasern zu ergründen suchten, versank ich mit meinen Blicken im Nachthimmel und versuchte, seine unendliche Weite zu begreifen. Angesichts dieser Unermesslichkeit empfand ich Ehrfurcht, ja sogar Angst. Die Fragen, die ich mir über seine Finsternis stellte und über die unzähligen Lichtpunkte mitten darin, führten zu immer mehr Fragen über die Natur um mich herum, die ich immer mehr lieben gelernt hatte.
Als ich feststellen musste, dass selbst die Wissenschaft auf meine brennendsten Fragen keine Antwort geben konnte, begann ich, mein Leben darauf auszurichten, hinter einige dieser Geheimnisse zu blicken und sie zu enträtseln. 

Auf meiner Suche nach Antworten stieß ich auf halb in Vergessenheit geratene Religionen und magische Systeme aus den entlegensten Winkeln unseres Planeten. Ich brachte bruchstückhaftes Wissen ans Licht, das mir von alten Tontafeln und magischen Abhandlungen entgegen strahlte. Als ich auf die Magie gestoßen war, wusste ich, dass ich ganz nah war. Denn hier fand ich Praktiken, die sich die Kräfte der Natur zunutze machten.
Von nun an begann ich, alles daran zu setzen, die zahllosen Formen der Magie zu erforschen. Ich begegnete Magiern und Hexern, die mich in meinem Lernen mit ihren geheimen Lehren unterstützten. Nach vielen Jahren wurde mir schließlich klar, dass die Wege der Magie sich all jenen eröffnen, die mit den Kräften der Natur arbeiteten. Ihre Geheimnisse entdeckt man nur in sich windenden Flüssen und dahin gleitenden Wolken; das rauschende Meer flüstert sie uns zu und auch die frische Brise; in Höhlen hallen sie wider von den Wänden; aus Steinen und Wäldern hört man ihre Stimmen.
Magie ist vermutlich die älteste existierende Wissenschaft, aber auch die am meisten missverstandene Praxis in unserer heutigen Welt – missverstanden leider auch von solchen, die von sich behaupten, selbst Magier zu sein.
Magie ist die Kunst, mit den Kräften der Natur zu arbeiten, um notwendige Veränderungen herbeizurufen. Das ist Magie – ganz einfach.

(c) Dieter76 - fotolia.com
Die Kräfte der Natur – wie sie in Erde, Luft, Wasser und Feuer Ausdruck finden – waren schon lange vor uns Menschen auf diesem Planeten. Man könnte sagen, diese Kräfte sind unsere spirituellen Ahnen, die uns den Weg bereitet haben für unsere Reise aus den sanften prähistorischen Ozeanen der Schöpfung.
Mit diesen Energien zu schwingen und sie in deine magische Arbeit mit einzubeziehen, kann nicht nur dramatische Veränderungen in deinem Leben hervorrufen, es gibt dir auch ein wunderbares Gespür dafür, deinen eigenen Platz in der großen Natur zu finden. Und vielleicht ist genau diese Frucht die süßeste, die ein Naturmagier pflücken kann.
Meine Suche nach Wissen ließ mich tief eintauchen in die Magie der Erde. Ich habe den alten Pfad beschritten, um mein Leben zu verbessern und auch, um ein tieferes Verständnis für dessen Wert und Sinn zu erfahren. Jeder, der sich auf diesen Weg begibt, wird dasselbe erleben.
Die Werkzeuge und Kräfte liegen nur so um uns herum und warten darauf, von uns ergriffen und genutzt zu werden. Mit ihrer Hilfe wird es möglich, über uns hinauszuwachsen und unser Potential auszuschöpfen.
Allerdings gehört dazu nicht, die Erde zu unterjochen und auszubeuten. Nur wenn wir dem Lied unseres Planeten lauschen und mit ihm verschmelzen, können wir wahre Magier werden, nur dann kann unsere Magie mit der gesamten Natur in Harmonie stehen.  (…)

In unserer heutigen Zeit ist die Erde in Aufruhr gebracht durch all die unüberlegt handelnden Menschen, die sie bewohnen. Wir als Magier werden uns hüten, die Erde oder die Elemente zu missbrauchen. Stattdessen arbeiten wir mit ihnen, wir senden unsere Energie hinaus auf diesen Planeten und all seine Lebewesen. Damit versorgen wir unser alleiniges Zuhause mit Kraft.
Naturmagie geht immer auch einher mit einer Lebensart. Für uns bedeutet das Recycling, Baumpflanzungen, Carsharing, bedachten Umgang mit dem Wasser, Holz statt Plastik, und vor allem schalten wir die Klimaanlage ab. Durch diese kleinen wenigen Schritte verstärken wir die Wirkung unserer Magie und unserer Rituale – allein schon dadurch, dass wir damit unseren Respekt bezeugen vor der Natur, vor Erde, Luft, Feuer und Wasser.
Ich wünsche mir, dass diese Techniken der Naturmagie uns alle mit Achtung und Bewunderung erfüllen für diesen Planeten und alles, was da lebt. (…)