Mittwoch, 22. August 2012

Sam Keen, der Zauberer von Oz und die Erfahrung des Heiligen

Der von mir hochgeschätzte amerikanische Autor (und langjährige Chefredakteur von „Psychology Today“) Sam Keen stellt in seinem neuesten Buch Das Feuer im Herzen entfachen eine Reihe wichtiger Fragen, die ich hier wiedergeben möchte:

Wenn aber ein Gespür für das Heilige fehlt, was wird dann die Quelle von Mitleid, Opfer und Sorge umeinander sein können, wo doch ohne dies alles kein Allgemeinwohl möglich ist? Wie sollen wir Werte entdecken, die über die selbstsüchtigen Interessen des Egos, der Familie, des Stammes, des Konzerns und der Nation hinausgehen? Wie sollen wir das Mitleid mit dem Fremden lernen? Woher sollen wir das Gefühl der Ehrfurcht vor dem Leben haben, das die Grundlage des Wunsches nach dem Erhalt unserer Umwelt ist?
Können wir vernünftigerweise hoffen, dass multinationale Konzerne ein Herz bekommen, so wie der Blechmann in der Geschichte vom „Zauberer von Oz“, und anfangen, sich mehr Sorgen um das Gemeinwohl zu machen als um den Nettogewinn? Können wir vernünftigerweise hoffen, dass Politiker und Journalisten so wie die Vogelscheuche in dieser Geschichte ein Gehirn bekommen und der Öffentlichkeit komplexe Sachverhalte erklären, statt nur Sündenböcke und Feinde zu erfinden? Können wir vernünftigerweise hoffen, dass das militärische Establishment so wie der Löwe in dieser Geschichte aufhören wird, sich hinter Frauen und Kindern zu verstecken und in der Kriegsführung „akzeptable Kollateralschäden“ einzukalkulieren, und stattdessen den Mut bekommen wird, Friedensstifter zu werden? Können wir vernünftigerweise hoffen, dass technikbegeisterte Forscher und Ingenieure das soziale Gewissen entwickeln werden, sich nur noch auf kreative Innovationen zu konzentrieren, die nicht als Massenvernichtungswaffen zu gebrauchen sind? Können wir vernünftigerweise hoffen, die Verbraucher lernen, was es heißt, „es reicht“ zu sagen und auf den Kauf von Luxusgütern verzichten, bis alle das Notwendige haben? Können wir vernünftigerweise hoffen, dass die selbstgefällige Mehrheit der guten Christen, guten Juden, guten Muslime und guten Hindus fordern wird, ihre Führer sollten damit aufhören, die Gewaltakte der Staaten und des Dschihad abzusegnen, um eine Gemeinschaft des Mitgefühls und Friedens für alle Lebewesen zu entwickeln?
In der Geschichte vom „Zauberer von Oz“ kann Dorothy nur dann nach Hause finden, wenn der Blechmann sein Herz und die Vogelscheuche ihr Gehirn bekommt und der Löwe seine Angst verliert. Wenn wir nicht wieder die Tugenden der Ehrfurcht und Rücksichtnahme entdecken, sieht unsere Zukunft auf diesem Planeten düster und brutal aus – und wird recht kurz sein.
Aber bevor wir angesichts dieses trostlosen Szenarios die Hoffnung verlieren, sollten wir uns nach einer hoffnungsvollen Alternative zu dem unablässigen Angriff auf einen als Geisel genommenen Gott und zu einem nihilistischen Säkularismus umsehen. Gibt es einen Ausweg aus dieser Vorhölle für diejenigen, die nicht an jene Wunder, Geheimnisse und Autoritäten glauben können, die eine institutionelle Religion bietet, und die sich auch nicht in der Lage sehen, in der spirituellen Armut unserer Wirtschaftsideologie zu gedeihen?
Ich möchte behaupten, es gibt einen solchen Ausweg; aber wir müssen wissen, wo er zu finden ist.
Überraschenderweise dürfte sich die Neuorientierung am wahrscheinlichsten daraus ergeben, dass wir neu verstehen, was im Kern der Religion steckt. Die Vision, die uns abgeht, ist uns nicht verloren gegangen; wir haben sie nur vergessen. Sie schlummert in der Pfahlwurzel, der die Religion ursprünglich entspross: im kaleidoskopartigen Reichtum unserer Erfahrung des Heiligen. Wir haben sie nur an lauter falschen Orten gesucht. (…)
Ich will versuchen, die formalistischen Verkrustungen von der Religion abzulösen und das Fleisch freizulegen, das lebendige Herz dieser Wirklichkeit, die Erfahrung, an der alle authentisch religiösen Menschen teilhaben: dass sie in einer Welt leben, die sie als heilig erfahren. 


(aus: Sam Keen, Das Feuer im Herzen entfachen. Die Kraft der Spiritualität, Kreuz Verlag, Freiburg 2011)

Übrigens hat das Buch im Original einen Titel, der in eine gänzlich andere Richtung geht und den Inhalt weit genauer beschreibt:
In the Absence of God. Dwelling in the Presence of the Sacred. 



Mittwoch, 1. August 2012

Wolfworte

(c) Petra Kohlstädt
Seit Sonne und Mond das Licht machen, kenne ich dich. Ich habe dich aus dem einst undurchdringlichen Wald beobachtet. Von Bergkämmen aus sah ich dich jagen und beneidete dich um deine Beute.
Ich habe die Reste deiner Mahlzeiten gegessen und du die meinen.

Ich habe deine Lieder gehört und deine tanzenden Schatten um helle Feuer gesehen. Zu einer Zeit, die so weit zurückliegt, dass ich mich kaum erinnern kann, schlossen sich einige von uns euch an und saßen mit am Feuer.
Wir wurden Mitglieder eurer Rudel, jagten mit euch, beschützten euch, liebten euch.
Wir haben eine lange Zeit miteinander verbracht. Wir waren uns sehr ähnlich. Daher habt ihr die Zahmen adoptiert.
Ich weiß, daß einige unter euch mich, den Wilden respektieren. Ich bin ein guter Jäger. Auch ich habe euch respektiert. Ihr wart gute Jäger. Ich habe euch beobachtet, wie ihr zusammen mit den Zahmen im Rudel gejagt und erbeutet habt.

Damals herrschte kein Mangel. Damals gab es nur wenige von euch. Damals waren die Wälder groß. Es war eine gute Zeit. Manchmal hab ich dich bestohlen, so wie du mich. Erinnerst du dich, als du hungertest, der Schnee tief lag, und du das Fleisch gegessen hast, das wir getötet hatten?
Es war ein Spiel. Es war eine Schuld.
Manche mögen es ein Verbrechen nennen.

Viele der Zahmen und die meisten von euch sind uns sehr fremd geworden.
Einst waren wir so ähnlich. Du hast auch das Fleisch zahm gemacht. Als ich damit anfing, dein zahmes Fleisch zu jagen, hast du mich gejagt. Ich verstehe das nicht. Ich sah, daß deine Rudel größer wurden und gegeneinander kämpften. Ich habe deine großen Schlachten beobachtet. Ich tat mich gütlich an denen, die liegen blieben. Da jagtest du mich noch mehr. Ich verstehe das nicht. Sie waren Fleisch. Du hast sie getötet.

Wir Wilden sind nicht mehr viele. Du hast die Wälder klein gemacht. Du hast viele von uns getötet. Aber ich jage noch und füttere unsere jungen Welpen.
Das werde ich immer tun. Ich frage mich, ob die Zahmen, die mit dir leben, eine gute Wahl getroffen haben. Sie haben den Geist verloren, in der Wildnis zu leben. Sie sind zahlreich, aber sie sind fremd. Wir sind wenige. Noch immer beobachte ich dich, daher kann ich dich meiden.

Ich glaube, ich kenne dich nicht mehr.

Von Jim Brandenburg. Aus seinem Buch "Bruder Wolf. Das vergessene Versprechen."