Freitag, 27. Mai 2011

Mythos

(c) Will Worthington, Wildwood Tarot
Wohin entschwinden Traum und Inspiration, wenn sie mich scheinbar verlassen haben?
Wohin entgleiten sie mir, wenn ich mein Leben den allgemein doch anerkannten, vernünftigen und nüchternen äußeren Begebenheiten anpasse, wenn ich mich eingliedere in die Gesellschaft der Zweckmäßigkeiten?
Gibt es einen Ort, einen versteckten Garten, der beständig von Drachen, Elfen und anderen Fabelwesen bevölkert ist? An dem mein persönliches Heldentum fern jeder Demut erstrahlt, wo ich mich in höchste Höhen aufschwinge und mich in der Nähe der Götter wähne?
Vielleicht kann man diesen Ort das „mythologische Unbewusste“ nennen, welches uns über Jahrhunderte hinweg Geheimnisse zuraunt, die wir in unserer domestizierten Gesellschaft uns bemühen zu vergessen.
Das Geheimnis dessen, was ich wirklich bin, mein eigener Traum, die farbenprächtige Gestalt, die Vision meines höchsten Selbst und der Odem des Drachen, der mich erfüllt.
Der Mythos ist nicht Vergangenheit, sondern will heute mit neuem, mit meinem Leben, erwirkt werden. Seine uralte Stimme will jede Faser meines Seins durchdringen, sein Wind mein Atem sein.
Der Mythos, richtig verstanden, ist die zum Ausdruck gebrachte, ursprüngliche Kraft der wahrhaft lebendigen Seele. Diese Kraft drückt sich in Archetypen aus, die die Mythen bevölkern und die sich  - wie wir selbst - alle auf ihrer eigenen Heldenreise befinden. Sie sind Bilder voller Kraft, die uns in das tiefste Geheimnis unseres eigenen Lebens führen können.  Sie begegnen uns in den Löwenreitern und gehörnten Zauberwesen, die Stephanie Pui-Mun Law so grandios mit dem Tarot verbindet oder in den Wesen des Waldes, die Will Worthington zu Papier oder auf die Leinwand bringt. Sie begegnen uns in griechischen Heldensagen und keltischen Märchen, in Fantasy-Werken wie dem „Herr der Ringe“ oder bei den Gebrüdern Grimm.
Archetypen und Mythen reichen tief aus der Vergangenheit zu uns herüber und sind dennoch immer aktuell. Sie sind unsere Verbindung zu unseren unbekannten Ahnen, zu dem Teil unserer persönlichen Geschichte, der im Dunkel der Zeit verborgen liegt.

Anders als das religiöse Dogma, welches starre Regeln und unumstößliche Verhaltens- und Glaubensnormen beinhaltet, bietet uns der Mythos eine Geschichte, die wächst und sich verändert und die uns wachsen und uns verändern lassen kann. Wir können den Mythos nicht nur interpretieren, wir müssen es sogar. Auf dem Weg unseres Lebens begegnen uns Menschen und Ereignisse, Märchen und Mythen, Träume und Erkenntnisse, die Teile von uns transformieren - manchmal erkennen wir uns selbst gar nicht wieder. Der Mythos will immer wieder neu in unser Sein eingebracht werden, will neu begriffen, neu hinterfragt und neu gelebt werden.
Der Sinn der Geschichte, die der Mythos erzählt, ändert sich mit uns, streckt sich wie unsere Seele hinaus in die Welt. Das Bild, das der Mythos malt, ist stets unvollendet und wartet nur auf den Pinselstrich, den ihm unser Leben hinzufügt.

Freitag, 20. Mai 2011

Der Wald atmet, der Wald weiß...

In Bill Plotkins Opus magnum "Natur und Menschenseele" habe ich heute dieses Gedicht gefunden:

"Steh still.
Die Bäume vor und die Büsche neben dir sind nicht verloren.
Wo immer du auch bist, nennt man "Hier",
und du musst es als machtvollen Fremden betrachten,
musst seine Erlaubnis erbitten, es zu kennen und gekannt werden zu dürfen.
Der Wald atmet. Lausche.
Er antwortet, ich habe diesen Ort um dich herum geschaffen.
Wenn du ihn verlässt, kannst du wiederkommen, "hier" sagend.
Für Rabe gleicht kein Baum dem anderen.
Für Zaunkönig gleicht kein Ast dem anderen.
Wenn das, was Baum oder Busch tun, bei dir wirkungslos bleibt,
bist auch du gewisslich verloren und wirkungslos.
Steh still. Der Wald weiß, wo du bist.
Du musst dich von ihm finden lassen."
- David Wagoner, Lost -

Vielleicht ist das als spiritueller Weg ausreichend: Hier sein. Wahrhaftig hier sein inmitten all dessen, was lebendig ist. Verbunden sein und lauschen. Das Rauschen der Blätter in unserem Innersten vernehmen, die Stimmen des Waldes einsaugen, uns von ihnen erfüllen lassen. Hier sein. Ein Teil der Welt, der mit allem, was ist, kommuniziert...










Samstag, 14. Mai 2011

Schöpfungsspiritualität

Der ehemalige Dominikaner Matthew Fox prägte den Begriff der Schöpfungsspiritualität - eine Spiritualität, die das Leben wertschätzt und in Verbindung mit allen Wesen lebendig ist. Hier ist der Auszug aus einem Interview mit Fox, das Geseko von Lüpke für sein Buch „Politik des Herzens“ führte.

Wie müssen wir heute den Begriff der „Schöpfung“ verstehen?

Die schönste Definition der Schöpfung, die ich kenne, ist jene der Lakota Sioux, die, wenn sie beten, sich an alle unsere Verwandten richten. „Alle unsere Verwandten“, das ist die Schöpfung, das sind unsere Familienbande zu allem: zur Erde, zu den Wäldern, zur Luft, zur Ozonschicht, zum Wind, zum Regen, zum Wasser, zu unserem Körper, dem Essen, unserer 14 Milliarden-Jahre-Geschichte, Zeit und Raum, den Sternen, den Planeten und natürlich den Menschen in unserem Leben und jenen, die noch kommen, künftigen Generationen. Schöpfung ist alles, was ist. Weil unsere Religion dabei versagt hat, uns eine Theologie der Ehrfurcht für die Schöpfung bereitzustellen, ist unsere Kultur zur bloßen Benutzung, zum Missbrauch und zur Objektivierung der Schöpfung übergegangen. Wir haben uns daran gewöhnt, die Schöpfung als eine Art Warenlager für kapitalistisches Wirtschaften zu sehen.
Unsere Ignoranz gegenüber der Schöpfung basiert auf unserer schlechten Beziehung zur Schöpfung. Dabei sind wir ein Teil der Schöpfung. Es ist unglaublich, dass wir davon überzeugt sind, die Schöpfung sei nur dort draußen und warte, dass wir sie nutzen. Wir sind ebenso Schöpfung. Die Gewalt, die wir unseren Körpern antun, unseren Träumen, unseren Kindern und Kindeskindern sind Teil dieses Missbrauchs der Schöpfung.

Was sind die Wurzeln einer neuen Schöpfungsgeschichte?

Sie wurde von Wissenschaftlern geschrieben, die sich in den letzten 30 Jahren mit der Evolution des Universums auseinandergesetzt haben. Jeder Stamm, den wir kennen, hat sich durch eine Schöpfungsgeschichte seinen Zusammenhalt geschaffen. Thomas von Aquin hat gesagt: „Wenn du deinen Anfang kennst, dann weißt du etwas über dein Ziel“. Mit anderen Worten: Unsere Moral kommt nicht aus Gesetzbüchern und von Politikern. Unsere Moral kommt aus dem Universum. Was sind seine Gesetze? Wenn wir diese Gesetzmäßigkeiten kennen, wird auch unsere Moral stabiler. Wenn wir keine Schöpfungsgeschichte haben, dann können wir unseren Kindern nur erzählen, wie man Geld macht, Autos kauft und seine Eltern begräbt. Leben ist langweilig, wenn es nicht im Kontext steht. Und es ist ein gewaltiger Kontext. Mindestens 14 Milliarden Jahre, Billionen von Galaxien – das ist keine langweilige Geschichte. Da geht es um ein Leben voller Staunen und Wunder. 
                         
 












Freitag, 6. Mai 2011

Weltmusik


Justin Adams (Gitarre), Juldeh Camara (Ritti, eine einsaitige westafrikanische Fidel), Billy Fuller (Bass) und Dave Smith (Schlagzeug) sind zusammen JuJu und verbinden afrikanische Trance-Rhythmen mit Jazz und Rock. Die CD erscheint in diesem Monat bei Peter Gabriels Label Realworld Records. Hohes musikalisches Können, wilde Improvisationen, wirklich beeindruckend!
Danke an Jan für den Tipp!

Mittwoch, 4. Mai 2011

Spirituelle Krieger – „Mystiker in Aktion“

(c) Pui-Mun Law, Seelenzauber Tarot
Wenn wir uns mit Archetypen beschäftigen, ihre Kraft spüren und diese in unser Leben einladen, damit sie uns und unsere Welt transformiert, stoßen wir irgendwann unweigerlich auf den spirituellen Krieger. Vielleicht erscheint uns der Begriff unpassend, vielleicht lehnen wir die kriegerische Energie grundsätzlich ab, weil wir denken, sie laufe unserer pazifistischen Ausrichtung entgegen, sei irgendwie anrüchig, ja „unspirituell“. Doch wenn wir unsere Spiritualität in die Welt bringen und an der menschlichen Gemeinschaft positiv mitwirken wollen, dann benötigen wir dringend diese kriegerische Energie.
Wir müssen selbst die wertvollste Waffe des Kriegers entwickeln: die Klarheit des Geistes, der weiß, wann er ruhen und wann er kämpfen muss. In dieser Klarheit liegt eine Stärke, die nicht blind um sich schlägt, wenn sie sich bedroht fühlt. Eine Stärke, die sich ihrer selbst bewusst ist, ein Fels in der Brandung des eigenen Gedankenkarussells wie auch in den Fluten und Wirren unserer modernen Welt.
(c) Pui-Mun Law, Seelenzauber Tarot
Auf einem T-Shirt las ich: „Big dogs don’t need to bark“ - und das stimmt: Nur ein wirklicher Krieger kann wahrhaft friedlich sein.
Aus diesem inneren Frieden können wir ganz bewusst und angstfrei auf Dinge und Geschehnisse reagieren. Wir können den Einsichten unserer Kontemplation in der Welt Ausdruck verleihen und zu ihnen stehen. Wir wissen mit Bestimmtheit, dass wir mit allem, was ist, verbunden sind und können unseren Brüdern und Schwestern – ganz gleich, ob sie Haut, Fell, Federn oder grüne Blätter tragen – die Hand reichen.
Laut Matthew Fox ist der Krieger „ein Mystiker in Aktion“. Der wahre Krieger wird zu einem lebendigen Bild der mystischen Einheit, er denkt und handelt in Verbundenheit. Er liebt die Welt und all ihre Wesen, seine Rede legt in prophetischer Weise Zeugnis von der Wahrheit ab und er weiß das Schwert der Achtsamkeit zu nutzen, um die Dinge so zu SEHEN, wie sie sind. Die „verborgene Spiritualität“, die Fox so eindrücklich beschreibt und die er sich in uns allen verwirklicht wünscht, wird im spirituellen Krieger zum Leuchtfeuer, das weithin sichtbar ein Signal für einen Neubeginn ist.
Das alte Kriegertum machte sich die Erde untertan, weil es in der Tiefe von Angst vor dem Leben erfüllt war. Beherrschen muss ich jedoch nur das, was ich fürchte. Das neue spirituelle Kriegertum hat den Mut, sein Herz weit zu machen und an der Gemeinschaft des Lebens wahrhaft teilzuhaben. Es muss sich nicht hinter vermeintlicher Stärke verstecken, sondern kann im Kreis alles Lebendigen stark SEIN.
Der spirituelle Krieger ist im wahrsten Sinne des Wortes be-seelt und bringt diese Seele in seinen Augen, auf seiner Zunge und mit seinen Händen der Welt als Geschenk dar. Damit wir alle leben können. Jetzt und in Zukunft.


Mehr zu Archetypen gibt es hier: 

Montag, 2. Mai 2011

John Shannon, Somewhere



Da wir schon gerade beim Thema Musik sind, möchte ich an dieser Stelle allen das Album "American Mystic" von John Shannon ans Herz legen. Dieses Album entstand, nachdem John eine Visionssuche unternommen hatte und seine Erfahrungen in neuen Songs verarbeitete. Hier wird wirklich spirituelles Erleben in Klang umgesetzt...