Montag, 12. Dezember 2011

Der Wunder gewahr werden

(c) Sparky - fotolia.com

Für eine Spiritualität der Erfahrung statt einer Religion der Denkverbote

Unsere Welt ist erfüllt von Wundern: das azurblaue Aufblitzen eines Eisvogels, der dampfende Atem eines Hirsches im ersten Morgenlicht oder das Lachen eines spielenden Kindes, völlig selbstvergessen und versunken in dem, was sich gerade der Wahrnehmung offenbart. Phänomene und Geschehnisse – alles in sich vollkommen und von einer inneren Heiligkeit getragen. Eine Heiligkeit, an der wir Anteil haben können, wenn wir unserer Erfahrung vertrauen.
(c) Olaf Kloß - fotolia.com
Nichts, was ist, wächst, wird und vergeht, benötigt vorgestellte Götter, die seinem Dasein etwas hinzufügen. Wir können den Eisvogel als Eisvogel und den Hirsch als Hirsch wertschätzen - und nicht etwa, weil wir davon ausgehen müssen, dass irgendein Gott sie aus dem Nichts geschaffen hätte... Wir können die Dinge sehen, wie sie sind, jede Pflanze, jedes Tier, jeden Menschen in ihrem und seinem So-Sein wahrnehmen. Der innere Wert eines Lebewesens hängt nicht von seiner angeblich göttlichen Herkunft ab, sondern von seinem Sein in der Welt, seiner Einzigartigkeit, seiner Fülle, der er durch sein Leben Ausdruck verleiht.
Dies zu erfahren, die Welt wirklich zu SEHEN und auch in sich selbst dieses Sein wahrzunehmen, ist eine freie Form der Spiritualität, die ganz im Gegensatz zu einer dogmatisch geprägten Sicht, wie sie Religionen vertreten, steht.
Während Spiritualität uns ein Leben aus der Tiefe ermöglicht, welche das Leben in all seinen Facetten und Aspekten achtet, ist die Religion oft ein totes Konstrukt, welches das Leben in vorgefertigte Begrifflichkeiten einordnen und somit unter Kontrolle halten möchte. Spiritualität ist das eigene, individuelle Herantasten an das Heilige. Religion ist die Schublade, für die alles, was nicht passt, passend gemacht werden soll.
Jörg Starkmuth schrieb den schönen Satz: "Hätte ich keine Namen für das, was ist, wäre ich umgeben von Wundern." Das ist die Offenheit eines spirituellen Geistes, der keine Regeln braucht, wie Erfahrung sein soll und darf. Mit einem solchen Geist brauchen wir auch keine selbsternannten Hüter der „reinen Lehre“, die diese vermeintlichen Regeln eifersüchtig bewachen.
So wird ein Verhältnis zur Welt möglich, was nicht von Herrschaftsgedanken sondern von echter Teilhabe durchdrungen ist.
Es gibt dann kein Dogma und auch niemanden, der ein solches aufstellen könnte. Unser spiritueller Weg ist ein lebenslanges Forschen, ein Staunen über die Vielfalt, die sich im Kosmos offenbart und welche auch in uns wirkt.

Staunen und Stille
Das Staunen lässt unsere Begriffe, unsere Namen für die Phänomene leiser werden und schließlich verschwinden. Die nachfolgende Stille ermöglicht uns ein noch tieferes Schauen, in welchem wir uns selbst als Teil einer Entfaltung des Lebens erfahren. Wir entdecken, dass wir an grundlegenden Qualitäten des Seins teilhaben, dass in uns selbst und in allem was lebt, der offene Raum des Bewusstseins, erkannt werden kann.
Das, was uns alle grundlegend miteinander verbindet – jenseits jeder Theorie, Religion, Philosophie oder Kultur -, ist die schlichte Tatsache, dass wir hier sind. Hier an diesem Ort im Universum. Wir sind gemeinsam auf diesem Planeten, gemeinsam in dieser Welt, diesem Kosmos. Gemeinsam mit allen anderen Wesen auf diesem Planeten rasen wir mit 107.000 km/h um die Sonne. Wir stammen von demselben Ort, unser Ursprung ist dieselbe Singularität, mit der unser Universum begann, unsere Entwicklung ist den gleichen Gesetzen der Evolution unterworfen.
Wir können in der mystischen Schau, in dem Moment der Stille, erfahren, dass die Natur unser aller Mutter ist – dass es eine unsichtbare Nabelschnur gibt, die uns alle mit dem Urgrund und deshalb auch miteinander verbindet.
In uns ist der Ursprung enthalten, tief eingewebt in unsere Zellen, in unsere Gedanken und unsere Träume. Das Leben, was das Universum durchwirkt, durchwirkt auch uns. Es gibt Momente, in denen dies ganz klar gesehen werden kann. Momente, die uns hineinziehen in die Wirklichkeit, wie sie sich in eben diesem Augenblick vor uns ausbreitet und in denen das wirklich Heilige des Lebens für uns sichtbar wird. Ein Sonnenaufgang nach einer langen Nacht, der erste Atemzug an einem neuen Tag, ein Tier, welches uns plötzlich im Wald gegenüber steht und ebenso überrascht ist wie wir, ein Lachen, das unsere Traurigkeit durchbricht. Der Moment des Staunens, der die Bewertungen unseres Ego auflöst und uns einfach da sein lässt. Ganz, heil, heilig.

Das religiöse Schema und die Illusion der Trennung
Religionen sind an diesen eigenen Erfahrungen verständlicherweise weniger interessiert. Was ohne priesterliche Vermittlung geschieht, kann einer auf Machterhaltung ausgerichteten Institution nur zuwiderlaufen.
Überall funktioniert Religion nach dem gleichen Schema: Es wird den Menschen eingeredet, es bestehe eine Trennung zwischen ihnen und dem Göttlichen und gleichzeitig wird sogenannte „Hilfe“ angeboten, diese Trennung zu überwinden. Selbstverständlich nicht ohne ein gewisses Entgelt zu verlangen, welches meist im Abgeben der eigenen Verantwortlichkeit und Macht besteht.
Doch diese Trennung ist eine hausgemachte Illusion. Niemals haben wir unsere Zugehörigkeit verloren. Das, was IST, die Welt der Phänomene, die uns umgibt, lädt uns ein, in ihr all das zu entdecken, wonach wir uns  immer schon sehnten. Die Phänomene, die einfach vorhanden sind und ohne unsere Benennung und Einordnung in einen religiösen Kontext auskommen.
So können wir uns selbst im Tanz mit dem Universum entdecken und feststellen, dass Bezeichnungen unserer selbst, wie unsere Nationalität, unser Geschlecht, unser Glauben, unsere politische Orientierung, unsere sexuelle Ausrichtung etc. an Wichtigkeit verlieren. All das ist noch da, alle kleinen Identitäten sind nach wie vor vorhanden, doch unsere wahre Identität öffnet sich in der Weite des Alls und erfährt den Geschmack der Einheit. Unser innerster Kern erwacht und in der Zugehörigkeit zu diesem grenzenlosen Kosmos entdecken wir, dass unsere eigenen Grenzen verschwinden. Die mystische Erfahrung öffnet unseren Geist und zerbricht nach und nach die Grenzen unseres Denkens, befreit unser Herz und lässt uns in reinem Gewahrsein dessen, was ist, ruhen. Plötzlich sind wir von Wundern umgeben!
Diese Erfahrung gehört, obwohl sie universell ist und alles mit allem verbindet, ganz uns. Es ist unser Erleben der Einheit, die in diesem Moment in uns stattfindet. Wenn wir versuchen, diese Erfahrung mitzuteilen, dann können wir das nur mit unseren ganz eigenen Worten. Niemand außer uns kann unsere universelle und doch einzigartige Erfahrung ausdrücken. Keine Religion, keine Philosophie, keine Sekte, keine Ideologie ist uns so nah wie wir selbst und unser Erleben, welches uns im tiefsten Inneren berührt.

Pur, nackt, offen…
Im Mosaik des Lebens ist unsere Erfahrung des Urgrunds ein wichtiger Stein, ohne den das Bild nicht vollständig ist. Wir brauchen nicht fünf Weltreligionen, sondern sieben Milliarden einzigartige Zugänge, um uns dem gesamten Bild des Kosmos anzunähern. Wir brauchen die Freiheit jedes einzelnen Geistes, um die Freiheit zu erkennen, die allem im Kosmos zugrunde liegt.
(c) Prescott - fotolia.de
Die Welt der Phänomene, die Welt der Natur führt uns auf diesem Weg in die Freiheit. Wir müssen keinem Ismus angehören und müssen uns auch keinem zuordnen lassen. Weder dem Buddhismus noch dem Paganismus und auch nicht dem Atheismus. Vielmehr können wir einfach Leben sein, Erfahrung in einer momentan menschlichen Form, pur, nackt, offen, in Verbindung mit der Welt um uns herum. Sehen, wahrnehmen, staunen, der Natur in all ihren Facetten begegnen. Wir können uns bemühen, soviel wie möglich zu erfahren und so wenig wie möglich zu deuten!
Je mehr wir deuten und je genauer wir den Inhalt unseres Glaubens definieren (wie Religionen es immer tun), desto enger wird unser Weltbild. Je mehr Menschen vorgeben von „ihrem Gott“ zu wissen und „seinen Willen“ zu kennen, desto mehr schränken sie ihren Geist ein. Die eigene Fantasie wird dann oftmals als Wort Gottes dargestellt, weil es uns weiterer Erklärungen zu entheben scheint.
Spiritualität ist jedoch auch der Mut zum Nicht-Wissen, welches sich im offenen Staunen erleben lässt und welches den Verführungskünsten von Intoleranz und Dogmatismus mit Leichtigkeit widersteht.
Das Heilige dieses Kosmos ist offen und frei sich zu entwickeln. Dieses Heilige, verstanden als allem innewohnende und alles durchdringende Kraft und nicht als eine als göttlicher Allvater wirkende Entität, ist weit und bietet Platz für unsere eigene Entfaltung, unsere Fragen und unser Leben mit diesen Fragen.
Der „alte Mann auf der Wolke“ und seine Religionen sind eng und stehen jeder freien Entwicklung aufgrund ihrer eigenen Angst vor Kontroll- und Machtverlust skeptisch gegenüber. Dieses System bietet die immer gleichen Antworten, welche nicht zu hinterfragen sind. Stille wird mit Dogma gefüllt, der offene Geist auf die das Dogma erhaltende Gebote geeicht und begrenzt. Die Weite des Raums wird zu einer wiederholbaren Meinung geschrumpft.
Alan Watts, ein wahrer Freidenker, fasst es so zusammen: „An Gott zu glauben und nach dem Gott, an den du glaubst, auszuschauen heißt, lediglich Bestätigung einer Meinung zu suchen.“
Der menschliche Geist ist aber grenzenlos. Die Stille, die uns in meditativen Momenten erfüllen kann, muss nicht mit dem Lärm vorgefertigter Antworten erstickt werden.
Wir selbst haben die Wahl und müssen genau und ehrlich untersuchen, ob wir den Mut haben, ohne letzte Antworten leben zu können. Die Frage ist: Möchten wir die Marionetten einer fremden oder die Helden unserer eigenen Geschichte sein? Nur jenseits aller ausgetretenen Pfade riecht die Erde frisch. Das gilt für unser ganzes Leben und insbesondere für unsere Spiritualität.






Vielen Dank an das Magazin SEIN, welches meinen Artikel in der aktuellen Dezember-Ausgabe veröffentlicht hat...

Dienstag, 29. November 2011

Neue Termine mit Philip Carr-Gomm

Philip Carr-Gomm, gewähltes Oberhaupt des größten Druidenordens der Welt, des OBOD (Order of Bards, Ovates and Druids), ist wieder für einige wenige Termine im deutschsprachigen Raum unterwegs.
Eines seiner vorrangigen Ziele ist, das Wissen der Druiden um unsere Natur, unsere Seelenwelt und den Kosmos in unsere moderne Zeit zu übertragen und hier anwendbar zu machen. Ich habe Philip schon mehrmals bei Seminaren übersetzt und ihn als Mann kennen und schätzen gelernt, der die drei Säulen des Druidentums - Weisheit, Kreativität und die Liebe zur Natur - sowie eine große Neugier auf die Welt verinnerlicht hat. Seine Vorträge und Seminare sind wirklich eine Bereicherung und ich kann sie nur wärmstens empfehlen...

03. und 04. Dezember 2011  
WORKSHOP TAROT & ORAKEL 
Dieses Intensiv-Wochenende bietet den Teilnehmern die Möglichkeit, mit dem Schriftsteller, Psychologen und Druiden zu lernen, effektiver mit Tarot und Orakel-Karten zu arbeiten. 
Wir werden in diesem Workshop entdecken, wie Orakel genutzt werden können, um andere Einsichten in die Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, zu erhalten und wie wir unseren höheren Zweck erfüllen können, indem wir diese Werkzeuge benutzen.
Darüber hinaus werden wir auch lernen, eine innere Verbindung mit Orakeln zu entwickeln und wie wir damit arbeiten können, um andere zu bestärken. Wir werden entdecken, wie wir unsere Karten und die persönlichen Karten von anderen indentifizieren und wie wir die Schatten erforschen. 
Ort: Naturoase, Oberaufham 2, 83620 Feldkirchen-Westerham
Seminarkosten: 240,- Euro 
Anmeldung bei Daniela Scaramelli: 08106/308616 oder per Mail an daniela@bluejay.eu
*** 
13. - 15. April 2012
ERLEBNISABEND UND SEMINAR 
KELTISCHE MYSTIK, SCHAMANISMUS UND DRUIDISCHE TRADITIONEN
Eine Initiation in die keltische Natur-Spiritualität...
In diesem Seminar vereint Philip Carr-Gomm die großen Traditionen der westlichen Naturspiritualität. Dieser Pfad bietet Inspiration, Lehren, Rituale und spirituelle Praktiken, die uns helfen, unsere innersten Kräfte der Kreativität, Intuition und Heilung freizusetzen.
In der keltischen Spiritualität verkörpert der Druide den Weg zu einer Lebenspraxis, die auf drei grossen Gaben beruht: im eigenen Leben stets die Kreativität zu achten, mit der Naturwelt zu kommunizieren, und sich Wissen und Weisheit zu erarbeiten. Diese drei Gaben rühren auch aus unserem Inneren, aus unserer Seelenlage, und Philip Carr-Gomm zeigt uns den Weg, diese Aspekte in unserer Persönlichkeit auszubilden. Die Lehren der Druiden helfen uns dabei, die Seele für ihr kreatives Tun zu nähren, den Schamanen aus Liebe zur heilenden Natur hervorzubringen und den Poeten und Geschichtenerzähler in uns zu entfalten, um innere Weisheit anschaulich zu machen.
Ein außergewöhnliches Seminar voller Geschichten, Rituale und alter Weisheit, die Sonne und Mond, Männliches und Weibliches miteinander verbindet und einen Pfad schaffen, der uns mit Poesie zurück zu unseren Wurzeln in der Erde führt. 

Erlebnisabend:
Freitag, 13. April 2012 von 19 00 - 20 30 Uhr
Ort: Kirchgemeindehaus St. Peter, St. Peter-Hofstatt 6,
8001 Zürich / Eintritt: Fr 25.-
Seminar:
Samstag, 14. April 2012 von 10 - 18 Uhr und Sonntag, 15. April von 10 - 17 Uhr
Ort: Kirchgemeindehaus St. Peter, St. Peter Hofstatt 6,
8001 Zürich / Seminarkosten: Fr. 350.-

Infos und Anmeldung:
Parabola Forum, Oberdorfstr. 16e, 8001 Zürich
Tel: 0041 44 261 00 90 / E-Mail: parabola_forum@hotmail.com

***

28. Juni - 01. Juli 2012
WORKSHOP WILDE WEISHEIT DES DRUIDEN TAROT 
Ein Workshop über die Möglichkeiten des Druidcraft-Tarots, das Philip gemeinsam mit seiner Frau Stephanie hält.

«Der Tarot öffnet uns Tore in die Tiefen unserer Psyche und führt uns ein in das grosse Geheimnis das nur einen Atemzug von der Emsigkeit und der Hast unseres alltäglichen Lebens entfernt ist. Wir benutzen Dialog, Maskenbau, Musik, Meditation und Performance um eine tiefere und intimere Beziehung zu den grossen Arkana zu bekommen» 
Philip Carr-Gomm

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Schnelle Anmeldung bei Reinhard Winkler und Malou Eberspächer vom Atelier Wandlungskunst erbeten!
Seminargebühr: 330€
Unterkunft und Verpflegung: 156€
Beginn Donnerstag 18 Uhr. Ende Sonntag 15 Uhr.
Die Seminargebühr ist mit der Anmeldung zu überweisen.
Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung sind beim Seminar in bar zu begleichen.

Ort: Atelier Wandlungskunst, 96126 Birkenfeld
INFO & ANMELDUNG: 09532/981060  oder per E-Mail an: atelier@wandlungskunst.de

***
Philip bietet wirklich altes Wissen, das er lebendig in unseren modernen Alltag überführt und dort einwurzeln lässt. 
Hier noch ein paar Buchtipps:

















Philip und Stephanie Carr-Gomm: Druidcraft Tarot











Philip Carr-Gomm: Well - Druidische Meditationen
 

Samstag, 12. November 2011

Mysterium vs. Disneyworld

(c) by Will Worthington / Wildwood Tarot

„Das Buch ist immer besser als der Film.“ Wie oft haben wir das schon gedacht, wenn wir aus dem Kino kamen, nachdem wir uns dort eine verharmloste und verflachte Version einer von uns geliebten Geschichte angeschaut haben? Die Tiefe eines Buches ist oft nicht mit dem Medium Film transportierbar, die Gefühlswelten zu komplex, um sie adäquat in Bilder umzusetzen, und ein Charakter braucht mehr Zeit zur Entwicklung als 90 Minuten. Auch wenn die Kinobilder im ersten Moment beeindrucken mögen, geht doch viel an inhaltlichen Aspekten und tieferen psychologischen Schichten verloren. Spürbar ist dies vor allem, wenn es sich um sehr alte Geschichten handelt, die neu zu erzählen versucht werden.


Unsere Welt ist voller Geschichten, voller Rückgriffe auf Mythen und Märchen, die zumeist recht platt in Actionfilmen oder Videospielen benutzt werden, um mit dem vermeintlichen Wiedererkennen neuen Umsatz zu generieren. Doch kennen wir unsere eigenen Geschichten gut genug, um zu erkennen, wie sie unter zumeist amerikanischen Marketinggesichtspunkten verfremdet werden? Glauben wir immer noch, der Froschkönig verwandele sich nach einem Kuss in einen Prinzen und nicht etwa – wie die Geschichte eigentlich richtig erzählt ist – nachdem er an einer Wand zerschmettert wurde? Kennen wir Schneewittchens Zwerge nur in der niedlichen Disney-Variante oder können wir in ihnen auch die lüsternen Gesellen erkennen, die sich aus einem sehr offensichtlichen Grund ihres weiblichen Schützlings annehmen? Und kennen wir Thor nur als muskelbepackten Hollywood-Heroen einer Comicverfilmung oder auch als Seelenbild und Archetyp unserer Vorfahren?

Unsere Märchen stammen aus dem tiefen, dunklen und wilden Schwarzwald und nicht aus einer auf Hochglanz getrimmten Zeichentrickschmiede. Unsere Mythen sind in einer uralten Lebenswelt begründet, die jenseits von Zahnpasta-Lächeln und Föhnfrisur existierte.
Doch schon den Gebrüdern Grimm, die unsere Märchen Anfang des 19. Jahrhunderts sammelten, waren all diese Geschichten zu düster, zu erotisch, zu geheimnisvoll und zu unchristlich. Viel wurde von ihnen verändert, glattgeschliffen und angepasst. Ein Prozess, der von Hollywood in unseren Tagen vollendet wird.
Liest man dagegen Bücher wie Kenny Kleins „Es war einmal…“ oder die Schriften von Bruno Bettelheim oder Catherine Orenstein, begegnet man einer ungezähmten Kraft, die in den Urversionen dieser Geschichten schlummert. Eine rohe Kraft, die unsere Welt durchströmt und die uns vor die Frage stellt: Wollen wir in einem wilden Mysterium lebendig sein oder in Disneyworld zum harmlosen Dauergrinsen verurteilt dahinvegetieren? 











Dienstag, 8. November 2011

Vortrag in Dietzenbach

Am nächsten Donnerstag, dem 17. November, halte ich in der Stadtbücherei Dietzenbach einen Vortrag über das Thema meines Buches "Selbst ein Anfang sein". Wir werden gemeinsam untersuchen, wie Kosmologien unser Verhältnis zur Welt bestimmen, wie wir eine freie Spiritualität ohne Gottesvorstellung und ohne Dogma für uns selbst entwickeln können, wie wir Sinnhaftigkeit selbst "herstellen" können und was das alles mit Graugänsen, Bruce Springsteen und staunenden Kinderaugen zu tun hat. Möglichkeiten für Gespräche und Fragen gibt es natürlich auch.
Und hier nochmal die technischen Daten:
17. November, 20 Uhr
Stadtbücherei Dietzenbach
Darmstädter Str. 7 - 11
63128 Dietzenbach
Würde mich freuen, Euch zu sehen...
Liebe Grüße,
Dirk
 
 
 
 
Dirk Grosser: Selbst ein Anfang sein

Dienstag, 18. Oktober 2011

Viatores: Donnerseele

Hier das erste Video unseres Trommelprojekts VIATORES! 
Wer hat eigentlich gesagt, dass spirituelle Musik immer soft und entspannend sein muss? Die Musik der Viatores - einem Projekt von Männern aus dem Umfeld des Arun Verlages - ist dagegen eher wie ein reinigendes Gewitter. Trommeln voller Kraft und Dynamik führen uns in den einzelnen Tracks in die Energie der männlichen Archetypen: Krieger, Magier, Liebhaber, König, Narr, Grüner Mann, Jäger, Sammler und Weiser tanzen um ein großes Feuer, schwitzen, schreien und lachen gemeinsam, laden jeden Mann ein, sich zu ihnen zu gesellen und diesen Ausdruck männlicher Spiritualität zu genießen.
Djembe, Darbuka, Cajon und Rasseln mischen sich mit Floor-Toms und Handclaps, mit schamanischem Gesang, mit heiserem Rufen und druidischen Mantren. Die Trommeln drängen, fließen, treiben, fliegen wie Wolken über den Himmel, donnern und blitzen, branden wie Wellen an eine schroffe Küste, singen das Lied der Seele und atmen den Duft fruchtbarer Erde.
Man kann den Spaß hören, die Energie fühlen, die leidenschaftliche Verbindung des eigenen Herzens zu etwas unbeschreiblich Größerem erahnen. 
Mitwirkende sind: Philip Carr-Gomm, Volkert Volkmann, Steve Dragon, Klaus Holitzka, Gerhard Popfinger, Stefan Ulbrich, Thomas Burghardt und ich. Unser aller Dank gilt unserem Produzenten Christian Köhler für seine Geduld mit uns und unseren Ideen! Ebenso ein großes Dankeschön an Hagen Ulbrich für die optische Umsetzung unserer Musik! 









 Viatores: Donnerseele, Arun Verlag

Donnerstag, 6. Oktober 2011

One Life

Hier der Trailer zu einem neuen Dokumentarfilm. Wunderschöne Bilder eines wunderschönen Planeten und seiner vielfältigen Bewohner... 

Mittwoch, 28. September 2011

Der Weg - Enttäuschung und Befreiung...

© Uzi Tzur - Fotolia.com
Das Beste, was uns auf unserem spirituellen Weg begegnen kann, sind Enttäuschungen. Wir alle möchten diese Erfahrungen so weit es geht meiden, ja, manchmal reden wir uns auch selbst Dinge immer wieder schön, um diesen Erlebnissen aus dem Weg zu gehen. Doch was wirklich geschieht, wenn wir uns in einer solchen Situation tief und ohne Angst einlassen, ist lediglich, dass die Täuschung endet. Wir werden ent-täuscht. Unsere Illusion über einen bestimmten Sachverhalt endet, unsere Wunschvorstellungen decken sich nicht mit der Realität, unsere Bedürfnisse, die wir auf einen bestimmten Menschen projizieren, werden nicht erfüllt.

Vielleicht entpuppt sich der nordamerikanische Medizinmann als Cola-saufender und ketterauchender Ignorant, der indische Yoga-Lehrer zeigt sein frauenfeindliches und faschistoides Gesicht, das Engel-Medium gibt nur Allgemeinplätze ohne jede Bedeutung für unser Leben von sich, der mild und sanft lächelnde Guru ist einzig an seinem Bankkonto interessiert…
Wie fühlt sich das an? Fühlen wir uns verletzt und betrogen? Fühlen wir uns auf den Arm genommen, obwohl wir doch viel lieber in den Arm genommen werden wollten? Fühlen wir uns unserer Zeit, Energie und unseres guten Willens beraubt?
So schlimm diese Gefühle im ersten Moment auch sein mögen, sie bergen die Möglichkeit einer großen Befreiung in sich. Wenn die Illusion von uns abfällt, lehrt uns die Enttäuschung, das Echte vom Unechten zu unterscheiden und zeigt uns gleichzeitig, dass wir (wie schon so oft) an der falschen Stelle gesucht haben.
Woher stammt diese Sehnsucht nach Erleuchtung, nach Weisheit, nach Wissen, möglichst nach Geheimwissen? Wen sollen diese Dinge befriedigen?
Ist es unser wahres Selbst, was eine echte Frage an die Welt stellt oder ist es unser Ego, welches in unendlichen Ausweichmanövern vor der Begegnung mit sich selbst zurückschreckt und uns immer wieder ins Außen, weg von unserem eigentlichen Inneren, führt?
Meditieren heißt neu sehen lernen. Es heißt, das Innere wie das Äußere so anzunehmen wie es sich in diesem Augenblick offenbart, ohne Vorstellungen, Erwartungen und andere Verzerrungen. Es heißt, den Baum als Baum zu erblicken und nicht als Zeichen eines erdachten Gottes. Es heißt, den anderen Menschen so sein lassen zu können, wie er ist. Es heißt, das lernen zu können, was sich im gegenwärtigen Moment in all seiner natürlichen Schönheit offenbart.
Dieses Sehen geschieht nicht von heute auf morgen. Wir werden noch oft enttäuscht werden, enttäuscht werden müssen. Doch mit jeder Enttäuschung schält sich unser Selbst aus dem Dunkel unserer vom Ego motivierten Erwartungen. Irgendwann lachen wir in diesen Momenten – und unser Lachen enthüllt die Dinge so wie sie sind: Frei, ebenso wie wir!

Seit heute erhältlich: Mein Buch "Selbst ein Anfang sein"...

  








Dirk Grosser: Selbst ein Anfang sein

Der große Verweigerer

Ingolf Bossenz hat in der Zeitung Neues Deutschland einen großartigen Artikel über Joseph Ratzinger/Papst Benedikt XVI. geschrieben, in dem er u.a. auf das Buch von Matthew Fox (Ratzinger und sein Kreuzzug) hinweist...
Sehr lesenswert und hier zu finden!

Dienstag, 20. September 2011

Entzauberung und wahre Magie

Foto: © andreiuc88 - Fotolia.com
Vor langer Zeit an einem kühlen Morgen… Eine stille Lichtung mitten im nebeligen Wald
Ein alter Mann mit einem weißen, langen Bart und wachen Augen, gewandet in einen dunklen Umhang, hebt seine Arme über den Kopf, singt Worte einer vergessenen Sprache, eines vergessenen Wissens… Die Luft flirrt, während sich seine Hände in fremdartigen Gesten bewegen. Sein Wille tritt ins Sein, etwas Neues wird geboren, ins Mysterium gewoben.
So stellen sich ihn viele vor: Merlin, den Archetypen europäischer Magier schlechthin. Unsere Sehnsucht gilt dem Zauber, den er wirkt. Der Zauber, der den Alltag durchbricht, der geheimnisvoll und mystisch in unser Leben einbricht, der verändert, uns aus Langeweile und Lethargie reißt und zum Guten führt.
Immerhin haben wir Gandalf. Und Harry Potters erstaunliche Magie hat zumindest aus sieben Büchern acht Filme gemacht. Doch reicht das, um unsere Sehnsucht zu stillen?

Die Aufklärung des 17. und 18. Jahrhunderts hat – wenngleich notwendig, um Klerus und Adel ihre falsche Macht zu rauben, um die Wissenschaften zu fördern und um die Freiheit als höchstes Ideal zu postulieren – unsere Welt sozusagen als „Nebenwirkung“ ihrer fortschrittlichen Denkweise entzaubert, ihr das Geheimnis entrissen und sie auf ihre Funktion reduziert. Doch in der neugewonnen Maschinenwelt dürstet unsere Seele nach dem Mysterium.
In Büchern und Filmen bilden sich diese Sehnsüchte ab, bleiben jedoch oft reiner Eskapismus. Aber kann es in unserer Welt wahre Magie geben? Magie, die tatsächlich etwas verändert und die jenseits von peinlichen New-Age-Fantasien à la The Secret – mehr Geld, mehr Macht, mehr Sex – lebendig ist?

Ich denke, dass unser SEHEN wirkliche Magie sein kann. Unser Sehen ändert die Welt, in der wir leben. Untersuchen wir die Welt mit all unseren Sinnen und allen uns heute zur Verfügung stehenden Mitteln, und lassen wir uns dabei nicht von aufgetürmten Theorien den Blick verstellen oder uns von Dogmen irgendwelcher Art ins Bockshorn jagen, entdecken wir ein lebendiges und kreatives Universum. Wir entdecken einen Kreis aus Leben, in dem wir ein individueller Teil sind, der gleichzeitig in eine alles umspannende Einheit eingebunden ist. Unsere Sehnsucht kann zu Forscherdrang werden, der das Geheimnis wertschätzt und wieder das Staunen übt. Wir können unseren Kindern von Sternen erzählen, die Lichtjahre von uns entfernt geboren werden und von Galaxien, die aus Millionen dieser Sterne bestehen. Wir können ihnen von Pottwalen in der Tiefe des Meeres und von Gänsen, die den Himalaya überqueren erzählen. Wir können gemeinsam mit ihnen die Wunder dieses Kosmos bestaunen, uns von unserer Sehnsucht in die Weite führen lassen, die Welt durch unser wahrhaftiges Sehen verwandeln und so wahre Magie wirken.
Der eingangs erwähnte Merlin war nicht nur Magier, sondern auch Dichter und Seher. Wie er können wir tief in die Schönheit der Welt tauchen, diese mit unserem Sein hervorlocken und anderen Menschen schenken. Das ist der Zauber, den unsere Seelen brauchen!


Mehr zu den im letzten Absatz angesprochenen Themen findet sich in meinem Buch "Selbst ein Anfang sein", welches nächste Woche erscheint...


Mittwoch, 31. August 2011

Papamobil mit Getriebeschaden

"Möge die Macht mit mir sein..."
Vom 22. bis 25. September besucht Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. Deutschland. Es gibt eine Eucharistiefeier im Berliner Olympiastadion, für die sich bereits über 50.000 Gläubige angemeldet haben und weitere Veranstaltungen in Erfurt und Freiburg. In Erfurt wird zu diesem Zweck die A 38 gesperrt und zu einem Busparkplatz umfunktioniert, in Freiburg sind für den Gottesdienst ebenfalls über 50.000 Anmeldungen eingegangen und das Motto-Lied des Papstbesuches erfreut sich größter Beliebtheit als herunterladbarer Handy-Klingelton.
Erstaunlich, dass es tatsächlich Menschen gibt, die diesem Mann solch große Verehrung entgegenbringen. Einem Mann, der in seiner Tätigkeit als Vorsitzender der Glaubenskongregation unzählige pädophile Priester beschützt und teilweise sogar befördert und wissentlich in die Lage versetzt hat, weiterhin ihren schändlichen Missbrauch an Schutzbefohlenen zu betreiben. Einem Mann, der zeitgleich zu diesem höchst unmoralischen Verhalten versucht hat, große Theologen und Menschen, die sich wahrlich der Nächstenliebe verschrieben haben wie Hans Küng, Willigis Jäger, Matthew Fox, Eugen Drewermann, Leonardo Boff und viele weitere mundtot zu machen und sie wie ein Großinquisitor aus der Kirche verbannte.
Seit mehr als 30 Jahren funktioniert beim Papamobil nur noch der Rückwärtsgang: Alle progressiven Ideen des 2. Vatikanischen Konzils wurden und werden weiterhin von Ratzinger zunichte gemacht. Die lateinamerikanische Befreiungstheologie und ihre Option für die Armen sowie die Vertreter einer erdzentrierten Schöpfungsspiritualität werden immer mehr unter Druck gesetzt, während gleichzeitig extrem konservative Bewegungen wie Opus Dei, Gemeinschaft und Befreiung und die Legionäre Christi unterstützt werden, weil sie als Geldbeschaffer für den Vatikan und sein Streben nach Macht dienen.
Viele Menschen scheint das nicht zu stören. Ihnen reicht ein Volksfest, bei dem ein alter Mann in Frauenkleidern im Mittelpunkt des Geschehens steht, der sich bemüht, seine imperialistischen Sehnsüchte hinter einem milden Lächeln zu verbergen. Matthew Fox nennt Ratzinger in seinem neuen Buch „Ratzinger und sein Kreuzzug“ den „Mörder der Theologie“ und zitiert den Benediktinerpater Bede Griffiths, der prophezeite, dass der Vatikan eines Nachts wie die Berliner Mauer einstürzen werde.
Ich habe die Hoffnung, dass dieser Einsturz bald geschehen möge. Dass wir das Heilige in den Augen eines Braunbären, im Flug eines Greifvogels und in den Wellen des Meeres entdecken, anstatt in einem dem Tod geweihten Palast im Vatikan.
Dass wir uns den Tränen in den brasilianischen Favelas und den Nöten von Kindern an anderen Orten der Welt zuwenden, anstatt eine obszöne Zurschaustellung von Prunk und Pomp zu bejubeln. Dass wir eine Spiritualität leben, die keiner Vermittlung durch selbsternannte und hochbezahlte Verwalter des Göttlichen bedarf, sondern die jeden Tag und jede Nacht in uns selbst und unserer inneren Verbundenheit mit der Welt geboren wird.
Lassen Sie uns einen endgültigen Abstellplatz für das Papamobil finden! Einen Totalschaden repariert niemand, der bei Verstand ist! 


Wieder einmal vielen Dank an das Magazin NEWS AGE, die meine Kolumne in ihrer aktuellen Ausgabe veröffentlicht haben. 
Mehr zu den Vertuschungen pädophiler Skandale, dem Redeverbot für Theologen, die nicht auf der erzkonservativen Linie des Papstes liegen und der Korruption im Vatikan findet man im gerade eben erschienenen Buch von Matthew Fox. Hervorragend recherchiert und belegt, ist es eine wirklich erschütternde Lektüre...

Freitag, 5. August 2011

Seele und Welt


Auf dem Lebensrad zum ganzen Menschsein reisen...

(c) Galyna Andrushko - fotolia.com
Die Nachrichten sind in unseren Tagen wieder einmal ein Vergnügen der ganz besonderen Art. Woran mag es liegen, dass eine Welt, die von so vielen grundsätzlich des Denkens mächtiger Menschen bevölkert wird, von einer Krise in die nächste schlittert? Woran mag es liegen, dass wir unser Wissen, über das wir zweifellos verfügen, nicht weise anwenden, ihm sogar entgegengesetzt handeln? Wenn wir ehrlich sind, ist das nicht nur in der Politik und in der Wirtschaft so, sondern auch in unserem Alltag, in so vielen Entscheidungen, die wir treffen und bei denen man sich mit einigem Abstand fragen kann, ob wir sie getroffen oder sie unseren freien Willen untergraben und beherrscht haben. Müssten erwachsene Menschen nicht freiere und der Vernunft entsprechendere Entscheidungen fällen? Müssten wir denn nicht wirklich wissen, was wir tun, den ökologischen und wirtschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit,  den nicht enden wollenden Wünschen, die die Konsumwelt in uns weckt und den scheinbaren Bedürfnissen unserer auf der Streichelcouch geparkten Psyche klarer begegnen können?

Tatsache ist: Wir sind nicht wirklich erwachsen. Wir sind aber auch nicht im positiven Sinne kindlich, so dass unser Handeln von vorurteilslosem Staunen, unvoreingenommener Neugier und unschuldiger Freundlichkeit bestimmt wäre. Wir sind vielmehr von erschreckend infantiler Ego-Bezogenheit erfüllt, die stets den eigenen Vorteil sucht und dabei Verantwortung generell ablehnt. Wir kaschieren unsere Unsicherheit mit der plumpen Demonstration von Stärke und suchen gleichzeitig in unseren Religionen nach einem Ersatzpapi, der uns verspricht, dass alles wieder gut wird.
Kann es auch anders gehen? Können wir für uns selbst und für unsere Welt auf authentische Weise einstehen? Können wir Verantwortung übernehmen und entsprechend handeln?

Menschen, die wirklich erwachsen geworden sind und gemeinsam eine reife Gesellschaft bilden – das ist die große Transformation, die wir und unsere Welt benötigen. Der Ökonom David Korten spricht hier von einem notwendigen Übergang, der „vom Imperium zur Erdgesellschaft“ führen muss, während der Tiefenökologe und Theologe Thomas Berry es „The Great Work“ nennt – ein großes Werk, was uns bevorsteht und dem wir nicht ausweichen können, wollen wir nicht unsere gesamte Lebenswelt und die aller anderen Wesen verspielen.

Eine überlebensfähige Partnerschaft zwischen Mensch und Erde, kann nur von reifen und wahrhaft erwachsenen Menschen errichtet werden, denn nur diese sind in der Lage gesunde Beziehungen aufzubauen. Beziehungen zu sich selbst, zur eigenen Seele, zu anderen Menschen, zu anderen Lebewesen, zu den Elementen und den Kräften der Natur.
Schauen wir uns in der Welt um, sehen wir deutlich: Wenn wir weder zu unserer Seele noch zu unserer Umwelt eine gesunde Beziehung haben, fügen wir beidem unweigerlich großen Schaden zu.

Im Unterschied zu allen anderen Lebewesen findet der Mensch nicht automatisch seinen Platz in der Welt. Er erfährt seine Seele in Bezug zu Natur und Kultur – seine Seele „bildet“ sich im Spannungsfeld dieser beiden Einflüsse. So braucht der Mensch eine gesunde Natur, um selbst gesund zu sein. Und er braucht ebenso eine gesunde Kultur, die darauf ausgerichtet ist, seine Seele zu fördern und seine Persönlichkeit reifen zu lassen. Leider ist dieses persönliche Wachstum nicht das Hauptaugenmerk unserer Kultur. Unsere Gesellschaft ist nicht auf seelisches, sondern auf industrielles Wachstum geeicht. Statt zu reifen Erwachsenen werden wir zu auf ewige Jugend getrimmte Konsumenten erzogen, die die Bedürfnisse ihrer Seelen unterdrücken. So werden wahre Älteste immer seltener und das Erwachsenwerden immer schwieriger, weil niemand da ist, der als Mentor fungieren kann.

Bill Plotkin
Bill Plotkin stellt in seinem Opus magnum „Natur und Menschenseele“ eine ganzheitliche und seelenzentrierte Entwicklungspsychologie vor, die verschiedene Lebensphasen berücksichtigt und den Menschen darin unterstützt, Entwicklungsaufgaben, die auf vorangegangenen Entwicklungsstufen nicht vollendet wurden, nun abzuschließen. Werden gewisse Stufen im Leben nicht abgeschlossen, bleiben wir weiter unreif, entwickeln sich Aspekte unserer Persönlichkeit nicht und wir werden zu willfährigen Opfern einer patho-adoleszenten Gesellschaft. Wir werden Teil eines Spiels, das einen viel zu hohen Einsatz fordert: Die Zukunft unseres Planeten und unserer Kinder.

Plotkin spricht von acht Stufen, die wir im Lebensrad, welches sowohl an indigene Traditionen als auch an den Kreislauf der Natur angelehnt ist, durchlaufen. Stufen, die aufeinander aufbauen und die einander brauchen. Jede Stufe entwickelt sich aus der vorherigen und braucht Menschen, die sich auf der jeweils folgenden Stufe befinden und entweder durch ihr eigenes Beispiel den Weg weisen können oder durch entsprechende Initiationsriten und zeremonielle Übergänge den Initianten dazu bringen, seinen eigenen Seelenweg zu finden.

Abb. aus dem Buch von Bill Plotkin, "Natur und Menschenseele"

Das Lebensrad enthüllt die Geheimnisse unserer menschlichen Reise: Wir werden unschuldig im Osten geboren, erscheinen wie die Sonne an einem neuen Tag. Wir werden im Süden verletzt, erhalten eine heilige Wunde, in deren Innerstem wir aber auch unsere Seelengabe entdecken. Dann geht unsere Reise weiter in den Westen, wo wir die Mysterien unserer Seele erfahren und besser verstehen, wo unsere jugendliche Persönlichkeit stirbt, wir wahrhaft erwachsen werden und eine echte Vision für unser Leben erhalten. Im Norden verwirklichen wir die Vision, die wir im Westen erhalten haben, leisten unseren Beitrag für die Welt und kommen dann in den Osten zurück und sehen alles neu, entdecken und kennen den Ort und unseren Platz darin – die Mysterien unserer Seele werden zu unserer wirklichen Heimat.

Besondere Aufmerksamkeit legt Plotkin auf die ersten drei Stufen: frühe Kindheit, mittlere Kindheit und frühe Jugendzeit. Hier werden die Fundamente einer gesunden Entwicklung gelegt. „Alles beginnt damit, wie wir Kinder aufziehen und Jugendliche begleiten“, schreibt er. „Es braucht ein Dorf – eine gesunde, öko-seelenzentrierte menschliche Gemeinschaft – um ein Kind gut aufzuziehen, aber es braucht auch ein gesundes Dorf, um Eltern hervorzubringen, die ein Kind gut aufziehen können. Und es braucht eine gesunde mehr-als-menschliche Gemeinschaft (die Gemeinschaft aller Lebewesen, aller Pflanzen und Mineralien), um ein gesundes Dorf aufzubauen. Wie Thomas Berry zeigt, braucht es einen gesunden, erblühenden Planeten und ein wildes Universum, um eine robuste menschliche Gemeinschaft hervorzubringen. Die Gesundheit des Ganzen stellt die Grundlage für die Gesundheit jedes einzelnen Individuums dar.“

Das eine bedingt das andere. Eine solche Gesellschaft bringt Individuen hervor, die ihren innersten Visionen, ihrer Seele folgen und damit weiter sowohl die Gesellschaft und Kultur als auch die Natur und den Kosmos bereichern. Diese Menschen arbeiten bewusst mit dem Universum zusammen, da sie wissen, wie prägend die menschliche Gegenwart für unseren Planeten ist. Sie sind sich ihrer Verantwortung bewusst und können diese auf reife Weise tragen. Ihre Imaginationskraft dient ihrer Seele und der Welt. Sie fragen sich: In was für einer Welt möchten wir leben? Welche Werte möchten wir unseren Kindern und Enkeln mit auf den Weg geben? Wie könnte unser Planet aussehen, wenn ein Großteil der Gesellschaft sich zu reifen Erwachsenen entwickelt? Und wie wird unser Planet aussehen, wenn wir das nicht tun?

Die Träume dieser Menschen können zu Botschaften des Wesentlichen in einer Welt werden, die ansonsten oft nur Interesse am Unwesentlichen zu haben scheint. Diese Menschen erträumen das Heilige, verwirklichen es in unserer Gesellschaft  und werden so zu Mentoren für die, die dieses Heilige hier und jetzt in ihrem Alltag leben wollen, um die Fehler zu vermeiden, die uns alle vom Wesentlichen fort- und in die Krise hineinführen.
Diese Krise, in der wir uns momentan zweifellos befinden, fordert uns auf, unmögliche Träume zu träumen, um eine wirkliche Veränderung herbeizuführen. Wir müssen uns diese Veränderung vorstellen können und unseren Beitrag leisten.
Plotkin zitiert aus Bernard Shaws Theaterstück Zurück zu Methusalem, in dem die Schlange zu Eva sagt: „Du siehst Dinge und sagst ‚Warum?‘ Aber ich träume Dinge und sage ‚Warum nicht?‘.
Wir alle können dafür sorgen, dass Träume, die eine konsumorientierte Gesellschaft als unmöglich betrachtet, wahr werden. Wir alle können erwachsen werden und die Vision unserer Seele in der Welt verwirklichen, so dass auch unsere Kinder und Enkel noch ihre Visionen leben können. 











Plotkin: Natur und Menschenseele





Vielen Dank an die Redaktion der NEWS AGE, die meinen Artikel in der Juli/August-Ausgabe ihres Magazins veröffentlicht haben. 


Donnerstag, 4. August 2011

Megalithkultur - designed by IKEA

Ein sensationeller archäologischer Fund, der beweist, dass IKEA schon seit sehr langer Zeit auf den britischen Inseln Geschäfte macht. Bitte nicht die Hinweise unter den Bildern übersehen!




Text reads: Important! Ensure all components are free from mud, dung and evil spirits before assembly. Wear appropriate safety equipment (spear, flint knife etc.) in the event of bears. Small parts are not included. If plagued by demons or suffering from pestilence, seek advice from a druid before attempting assembly. May contain quartz.

(c) QI Ltd / Faber. Published in the QI H Annual. Written by Justin Pollard with input from John Lloyd and Stevyn Colgan.

Mittwoch, 27. Juli 2011

Elche und Liebesbriefe

(c) bierchen - fotolia.com















sie ist hinreißend, diese Frau
deren Körper die Welt ist
sie trifft dich im Innersten
wenn du es am wenigsten erwartest

zwei Elche
bewegen sich über die Straße
in der Abenddämmerung eines Tages, der so reich
an Wundern war, dass du kein weiteres
mehr ertragen könntest - 

ihr Anblick
fährt dir wie Flammen durch die Glieder
prickelt an den Haarwurzeln - 

diese knochigen Hinterbeine
dieser traumhafte, unbeholfene Gang
ist ihr Kennzeichen, der letzte Schnörkel
des Liebesbriefes, den sie auf deine Zellen geschrieben hat

Morgan Farley
(aus: Returning the Back Way, unveröffentlicht, zitiert in Bill Plotkins "SOULCRAFT")











Dienstag, 26. Juli 2011

Fejd - Folk Metal ohne Metal... :-)


Hier mal wieder ein Musiktipp: Fejd aus Schweden machen Folk Metal ohne Stromgitarren. Dafür spielen sie Nyckelharpa, Bouzouki, schwedische Sackpfeife, Flöten und allerlei anderes seltsames Instrumentarium mit dem sie richtig Druck machen... Hört mal rein!

Dienstag, 19. Juli 2011

Von unseren tierischen Verbündeten lernen

(c) Jens Klingebiel - fotolia.com
Wie würde es sich anfühlen, wenn ein Wolf zu Ihnen spräche, Ihnen davon erzählte, wie es sei, mit seinen Artgenossen durch die Wälder zu laufen, auf Jagd zu sein und eingebettet in ein Rudel zu leben? Wie wäre es, wenn Sie einem Elefanten Fragen stellen könnten, wenn Sie die Welt für einen Moment durch seine Augen betrachten könnten? Was könnte ein Luchs Ihnen über Ihre eigene Persönlichkeit und den Weg Ihrer Seele berichten?
Tiere sind unsere älteren Geschwister – ihr ganzes Sein, ihr Instinkt und ihr Wissen gehen unserem Sein voraus. Lange bevor der erste Mensch seine Schritte durch die Steppen Afrikas lenkte, war die Erde angefüllt mit Federn, Fell, Klauen und Schuppen, die Luft erfüllt mit Fauchen, Trompeten, Singen, Brüllen und Schnurren. Schon unsere Urahnen beobachteten unsere tierischen Verwandten und lernten von ihnen. Viele Heilkräuter wurden durch die Beobachtung von Tieren entdeckt und auch kooperative Jagdmethoden wurden verfeinert, weil man sah, wie manche Raubtiere gemeinschaftlich vorgingen. Doch Tiere lehren uns nicht nur großzügig auf physischer, sondern auch auf geistiger Ebene.
Bei Visionssuchen, Krafttierreisen und Meditationen halten sie Botschaften für uns bereit, denen wir lauschen sollten. Als Verbündete aus der geistigen Welt tauchen sie in archetypischer Weise auf, erhellen unsere Gedanken, halten uns einen Spiegel vor Augen, schenken uns Inspiration und führen unsere Seele in tiefe Bereiche unserer eigenen Existenz. Ein Blick in die Augen unseres Krafttieres kann uns das Mysterium des Lebens oft besser erklären als eine ganze philosophische Bibliothek. Die Begegnung mit dem Krafttier weckt etwas in uns, was oft verschüttet ist: Eine instinktive Verbindung mit der Welt, eine Zugehörigkeit zu etwas Größerem und ein wirkliches Gefühl für unsere Seele. Manchmal ist schon das bloße Auftauchen des Krafttieres Botschaft genug, denn das ureigene Sein des Tieres hält Antworten für bestimmte Situationen bereit. Die Würde des Hirsches, die Kraft des Bären, die Schnelligkeit des Geparden, die Ausdauer der Graugans, die Treue des Hundes – all diese Eigenschaften können uns etwas Bedeutsames mitteilen. Die Schweizerin Regula Meyer zitiert in ihrem Buch, das unzählige traditionelle Deutungen von Tierbegegnungen beschreibt und die Eigenschaften dieser Tiere als Seelenbotschaften entschlüsselt, Charles Baudelaire: „Dass wir so gerne Tiere betrachten, liegt wahrscheinlich daran, dass wir dabei so viel über uns selber erfahren.“ Unsere Seele sehnt sich nach dieser „wilden Weisheit“, unser Herz ist innig mit den Herzen aller Tiere verwoben und kann auf dieses intuitive Wissen nicht verzichten.
Manchmal unscheinbar wie die Ameise zu unseren Füßen, mal ehrfurchtgebietend wie das Auftauchen eines Buckelwals führt jede Begegnung, die wir mit wahrhaft offenen Augen erleben, zu einem besseren Verständnis unserer selbst und der Welt, in der wir leben!