Dienstag, 5. Oktober 2010

Schamanentum

(c) Björn Gaus/bg-fotodesign.de
In diesen Tagen erscheint mein zweiter Interviewband mit Wolf-Dieter Storl, diesmal zum Thema Schamanentum. Wolf-Dieter bietet in Geschichten und Mythen einen Überblick über die schamanischen Wurzeln unserer Kultur und zeigt, wie wertvoll die Botschaft eines schamanischen Weltbildes für unsere Zeit sein kann. Hier ein kurzer Auszug:

Mircea Eliade deutete den Schamanen als Meister der Ekstase. Wer ist für dich ein Schmanane, was zeichnet ihn aus und welche besonderen Fähigkeiten besitzt er?

Ich schließe mich Eliade an. Der Schamane ist ein Meister der Ekstase im wahrsten Sinne des Wortes - von ex, "außerhalb" und stase, "stehend". Er hat die Fähigkeit außerhalb von sich selbst zu stehen, somit steht er auch außerhalb vom Alltag. Er ist Meister der Trance, ein Meister der kontrollierten Ausflüge, er hat Kontrolle über das, was geschieht. Es ist keine unwillkürliche Besessenheit. Er ist nicht nur ein Hellseher, sondern er ist jemand, der hinausgehen kann. Er ist ein Vermittler und Botschafter seines Stammes oder seiner Gemeinschaft zu den Geistern oder Tierseelen, den Ahnen, den Göttern. Also ist er derjenige, der die Fähigkeit hat, in die Anderswelt zu gehen und wieder zurückzukehren. (...)
Was der Schamane noch macht: Er wendet Unheil ab, ehe sich das Unheil materialisiert, weil er nicht im Bereich des Gewordenen operiert oder aktiv ist, sondern im Bereich des Werdenden. Unsere Wissenschaft kann nur mit dem Gewordenen arbeiten, kann fertige Fakten aufzeichnen und dann Modelle und Projektionen erstellen, was möglicherweise die Zukunft bringt. Aber so lange etwas noch nicht materialisiert ist, noch nicht konkret ist, sind Veränderungen möglich. Und so arbeiten alle Schamanen. Sie wirken in der Dimension, wo alles noch in der Schwebe ist und ordnen die Dinge, ehe sie sich manifestieren. (...)
Der Schamane ist immer auch der Arzt, der Heiler, der Dichter, der Unterhalter seines Stammes.

Ich denke, dass Heilung besonders durch das geschehen kann, was du eben gesagt hast: Dass der Schamane Vermittler zwischen dem Stamm und den Tiergeistern ist... Genau dieses fehlende Verständnis der Natur ist doch heutzutage oft das, was Entfremdung und auch Krankheit entstehen lässt. Entfremdung, die uns den Lebenssinn raubt und uns somit psychisch und Physisch krank macht. 

Das Nicht-Verbundensein mit der Natur, die ja Quelle und Träger des sogenannten Spirituellen ist, auch das Nicht-Verbundensein mit dem eigenen Körper, der ja auch Teil der Natur ist - das ist eine Quelle des Krankseins. Nicht-Verbundensein heißt gebrochen sein, nicht mehr heil sein. Indem der Schamane gelernt hat in die innere und die äußere Welt zu sehen, zu lauschen, zu riechen, kann er wieder verbinden, wieder heil machen. Er vermittelt zwischen den Menschen und den Geistern der Landschaft, den Gottheiten, den Tierhelfern, den Vorfahren. Das haben wir als kopfgesteuerte, in Virtualitäten gefangene Menschen nötig.