Donnerstag, 16. September 2010

Aus meiner Mitte entspringt ein Fluss

Leichter Morgennebel am Flussufer. Ich bin viel zu früh aufgewacht und irgendetwas hat mich nach draußen gelockt. Meine Beine haben mich hierher getragen und mein Geist ist zwar noch müde, aber von einer seltsamen Klarheit erfüllt, die der Stille der frühen Morgenstunden oft zu Eigen ist.
Ich höre das Glucksen und Plätschern des Flusses - Wasser, das sich über glattgeschliffene Steine hinwegbewegt. Vogelstimmen begrüßen den neuen Tag, ein Hase sitzt im Gras und schaut mich lange an, bevor er im Gebüsch verschwindet. In der Ferne, am Rand eines Weizenfeldes sehe ich ein paar Rehe.
Ich schaue, ich lausche, ich spüre den Wind auf meiner Haut, ich spüre den Atem in meiner Brust. Und dort, tief in mir, findet das Geräusch des Wassers seinen Widerhall. Ich bin nicht mehr außerhalb, wie ich mich so oft in meinem Leben gefühlt habe, ich bin mitten drin. Kein bloßer Beobachter mehr, sondern Teil der Natur, der Fluss ein Teil meines Körpers.

Man sagt, es gebe Naturvölker, die kein Wort für die Natur haben, weil sie sich selbst nicht als getrennt von der Natur erleben. Sie abstrahieren nicht, schaffen keine Begriffe für etwas, dessen Teil sie doch sind.
Unser europäisches „Cogito, ergo sum“ hat uns dieser Ursprünglichkeit enthoben, unser Denken, so nützlich es auch sein mag, hat einen Abstand zwischen uns und der Welt errichtet. Der Verstand analysiert etwas, das für ihn außerhalb seiner selbst liegt.
Wir können den Unterschied spüren, wenn unser Denken für einen Moment in der Begegnung mit der Natur aufhört, uns die Fessel unserer Begrifflichkeiten für einen Moment loslässt.
Dann können wir einfach sein, uns fallenlassen in den gegenwärtigen Moment und dort unser wahres Zuhause finden. Wenn wir die Sonne über den Hügeln betrachten, das Wispern der Bäume in uns vernehmen, sind wir nicht nur der Natur, sondern auch uns selbst näher.
Denn auch trotz unserer Städte und Autos und Fabriken und Staudämme, SIND wir selbst auch immer noch Natur. Wir sind Teil eines großen Ganzen, kommen aus dem Urgrund, sind Kinder von Mutter Erde – genau wie der Hase, das Reh, der Morgentau auf den Blättern, der Wind über dem Gras und das Geräusch des Flusses.

Wir sind weder Beherrscher dieser Welt noch ungeliebte Kinder unserer Mutter Erde. Wir sind, was wir sind. Menschen. Eine Unterordnung der Trockennasenaffen, deren Geist zu ganz außergewöhnlichen Leistungen in der Lage ist, die uns das Überleben in den letzten 200.000 Jahren sicherten.
Und gleichzeitig zu der für manchen Zeitgenossen vielleicht eher demütigenden Bezeichnung „Trockennasenaffe“ sind wir göttliche Wesen, die einen Teil dieses Universums und dieser Welt ausmachen, der von niemandem sonst eingenommen werden kann. Einzigartig in unseren Gedanken, Träumen und Vorstellungen. Einzigartig in unserer Intuition, in unserer Bewunderung der Schönheit dieses Planeten, einzigartig in unserer Sicht des Kosmos.

Wir sind hier, weil das große Ganze uns will, weil der Fluss des Lebens auch in uns fließt und wir in ihm, weil das Göttliche sich ebenso in uns ausdrückt wie im Braunbär, dem Maikäfer und dem Buckelwal. Ehren wir diese Erkenntnis, sind wir angekommen. Angekommen in einer Welt, in der das Miteinander aller Spezies eine fragile aber unfassbar schöne Balance bildet. Wir sind Menschen und gleichzeitig so viel mehr.